Tag 2 [c/o pop]: Currywürstchen, Unstern, Bier und 1000 Robota


Juni 26th, 2010 | 1 Kommentar ...  

Tag 2 [c/o pop]: Currywürstchen, Unstern, Bier und 1000 Robota

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So richtig will mir heute noch nichts einfallen. Vielleicht weil ich noch Schlagseite hab. Gestern habe ich fixer darüber geschrieben, dass nach den Alternativen jetzt die Kreativen die Melkkuh der Nichtsnutze sein werden. Schön dass das sogar von der c/o pop “geretweetet” wurde, und Dorfdisco ca. 4 neue Leser einbrachte.

Nicht zu unterschätzen ist dagegen die Anstrengung nach einem Tag mit anschließender Nacht morgens die Eindrücke schreiben, publizieren und mittags schon bei einem der Panels einzufinden. Letzteres musste ich mir leider schenken, trotzdem, zu gerne hätte ich da mal mitgegessen, eh, gesessen. Da dies aber schnell in ein kreatives Schläfchen umgeschlagen wäre, fand ich mich erst gegen 19h an der Tanzschule Schulerecki gegenüber vom Gloria Theater zum “Meet and Greet” (auf deutsch: sehen und gesehen werden) des Verbandes unabhängiger Tonträger (VUT) ein.

Trotz Bier, aber fertig geschnittener Currywurst im Topf standen dort weniger rum als gedacht, oder war dies schon die Folge des Indiesterbens,  so dass das V.U.T.-ige Motto “Act United – Stay Independent” da auch schon bröselt, oder so sehr indiependelt, dass man schon gar nicht mehr “da” ist? Ganz United war nur der Bierstangenabsatz, nebst erfreulichem Wiedersehen einiger aus Berlin angereisten und der Dorfdisco geläufigen Branchenkollegen, deren Talk irgendwann auf das unausweichliche  “wo man heute Abend noch so hingehen wird” hinauslief.

Als mahnendes Zeichen viel der Blick auch ständig auf den gegenüber vor dem Gloria parkenden, mattschwarzen Tourbus von Bonaparte, dem sich in unerklärlichen Abständen immer mal wieder die Türe öffnete, und eine 3/4 geschnittene Roadiehose mit Handtuch und Veranstalterorden freigab. Dahinter bildete sich in den frühen Abendstunden schon eine bedrohlich lange Schlange, und als es hiess, dass keine gelben c/o pop Besucher-Bändchen mehr zu dem von Spex veranstalteten Abend reinkämen, bestellte man sich gleich lieber noch eine Runde Kölner Stangen. Dabei wurde das Konzert extra noch von einer größeren auf diese kleinere Location verlegt, “weil man sich angeblich nicht sicher war ob Caribou, Bonaparte, Robyn und als last-minute special guest auch noch OMD (!) mehr Leute anzieht”, als die gerade mal 1000 minus Gästeliste ins Gloria passenden, bevor der Laden auseinanderkracht.

Vielleicht war man bei Spex aber auch nicht sicher, ob die Intro Robyn aufs aktuelle Cover hebt – wo die Spex ja schon Bonaparte drauf hat. Nur, dass so ein Line-Up inklusive Doppel-Medialisierung jede größere Location locker voll macht, wäre auch jedem Dorfdisco Leser klar gewesen. Stattdessen lästerte man etwas darüber, dass die Spex Planungen eh immer etwas “fehlerhaft” waren, wie schon zuviel Tickets verkauft und ganze Gästelisten vergessen.

Mit diesem tollen neuen Wissen und gefühlten fünf Bier und zwei Red Bull im Blut fuhr ich dann zu Hans Unstern. Am Eingang traf ich … Maurice Summen und frotzelte, ob man sich dazu jetzt auf den Boden setzen muss.  Zwar weiß ich immer noch nicht was man an Unstern finden muss,  ausser dass er den Widerspruch zwischen zwanghafter Kreativität und endloser Belanglosigkeit darstellt, den ausgelutschten Klischeehipster mit 3-Jahre Bart, die Verfolkung des von vornherein gescheiterten Deutschdiskurses, der ewig krampfhafte Versuch, den Bart des Propheten zum Tanzen zu bringen (oh, es tanzte auch EINE,  so wie ich EINIGE bei Genesis 1975 in Köln tanzen sah), die Verlängerung der Mein-Freund-der-Baum-Pädagogik aus der im-Pappkarton-unter-der-Fußgängerbrücke-Perspektive, nur, aber da es ja inzwischen alle so machen, ist es auch noch wie ein endlos wiederholtes Geklapper.

In guten Momenten fielen mir sogar die Einstürzenden Neubauten oder die englische Artrockgruppe Blurt ein, und schon denke ich, dass man die halbe, hippiesk um sich fuchtelnde Band feuern müsste, allen intellektuellen Nonsens, dysfunktionale, reperaturanfällig ineffektive streichen, doch würde dann aus Unstern vielleicht noch ein Stern, und das ist wohl sein Dilemma, dass es dann auf einmal verständlich werden würde, und man sich nicht mehr hinter einer auf ewig andauernden Pubertät verstecken kann, oder besser gesagt, dem “völlig unbegründeten Überlegenheitsgefühl junger Großstädter, der in Wahrheit ein schlecht versteckter Minderwertigkeitskomplex ist” (wer herausfindet wo ich den Satz her hab bekommt eine alte, kaffeebefleckte Axolotl Roadkill Ausgabe!).

Das Schlussstück klang in seiner wildem Jazzbaustelle dann entfernt nach L.A. Blues der Stooges – doch war deren Version ein wilder Urschrei auf L S D, und ich mag mir nicht ausmalen, was mit Hans Unstern auf überhaupt L S D passieren würde, wahrscheinlich Implosion! Vielleicht müsste man sich dann nicht mal hinsetzen, sondern gaanz flach legen um den waagerechten Tiefen zu entgehen!

Ganz anders dagegen die anschließend aufspielenden 1000 Robota. Oh, sie werden dies nicht mal mögen, aber vor ihrem Gig laberte ich schon darüber dass sie eigentlich nur verlieren könnten, so hoch stehen sie bei mir auf der Agenda. Dabei sind sie schon dermaßen exaltiert, dass sie mitlerweile von zwei in Club Mediterrane Hemden samt schwarzer Fliege gekleideten Stagehands begleitet werden, deren Aufgabe dariin besteht, das halbe dutzend Gitarren zu putzen. Dabei dachte ich bisher, 1000 Robota wäre so eine Band die sich ihre 2 + 1 Vintage Klampfen aus irgendeinem Nobelshop geklaut hätten! Egal. Eine Band, die schon vor dem Erscheinen ihres ersten Albums 1000 Euro Gage verlangt, kann gar nicht schlecht sein.

Die Masche mit den schwarzen, zugeknöpften Hemden jedenfalls toppte Sänger und Gitarrist Anton Spielmann noch mit seinem dünnen, wie maßgefertigten Anzug samt extra Plektrumtasche im Hosenbund, den Maßschuhen, dem Jacket, Weste, Krawatte, und einem Hut, der nicht nur seine Vorreiterrolle untermalen will, sondern -Vorsicht: neu- mit den links und rechts hervortretenden Haarsträhnen auch noch stark an einen Blixa Bargeld Filius erinnert. Will Spielmann wirklich alles? Seine ganze Statur erinnert an jenen exsistentialistischen Dandy, der die besseren Stars in den 80er ausmachte, und erst von der belanglosen Happy-Techno-Rave Bewegung abgelöst wurde.

Trotzdem sind 1000 Robota heute wertvoll, und das ist das Starke. Findet man heute an jeder Innenstadtecke 80er Jahre Referenzen bis zur 1 zu 1 Kopie, hält Spielmanns seine pointiert treffenden Schlagzeilen gegen eine in erfolgreicher Selbstzufriedenheit erblödeten Musikszene entgegen. Ihr Album Debut Du Nicht Er Nicht Sie Nicht räumte ja auch so ziemlich mit all dem auf, worin man es sich gemütlich gemacht hatte, inklusive dem bis zur Unantastbarkeit bejubelten Begriff “Tocotronic”, im lapidar-perfekt besungenen Oh Oh („oh oh“ so sagen Tocotrooonic / was soll man noch für Lieder schreiben/ doch das Verlangen/ das geht weiter/ beschweren kann man sich immer noch.. “), so als Abgesang auf Tocotronics  “Kapitulatsio-oh-oh-ohn.

Anton Spielmann, 1000 Robota, Foto: Dorfdisco/Os.

Anton Spielmann, 1000 Robota, Foto: Dorfdisco/Os.

Für solche Aufmüpfereien, wie auch seinem 2008er Zeit-Interview Antwort: “Tomte, Kettcar, Herrenmagazin, die Kilians. Trost suchende Gewohnheitstypen, die sich ab und an dazu entschließen, mit ihrem kleinen Reclam-Heftchen in Bars abzuhängen, St.-Pauli-Fans und Freund von allem und niemandem zu sein”, wird Spielmanns gerne von einigen sich-gemütlich-Gemachten geschmäht, von andern jedoch bewundert. Viel Feind Viel Ehr hiess dazu ja auch schon bei S.Y.P.H.s legendärer erster EP, und ich denke, Spielmanns wird sie als Originalpressung neben seinen Palais Schaumburg Platten verstaut haben.

Seit Veröffentlichung und der begeisterten Kritiken über Du Nicht Er Nicht Sie Nicht 2008 aber ist keine neue Platte erschienen. Wir hatten leider nicht die Gelegenheit Spielmanns direkt dazu zu befragen, immerhin verriet er von der Bühne, dass das neue Album im September erscheinen wird, die Vorabsingle am 23. Juli.

Live spielten sie schon viel vom neuen Material, das, dies ist nur der erste Eindruck, nicht ganz so tanzig-plakativ-eingängig ausfallen wird als wie das Debut. Leicht gewöhnungsbedürftige, schräge Passagen wechselten mit stoisch-monotonen Bässen, man muss es wohl zweimal hören.  Auch fiel eine wesentlich düsterere, passioniertere Stimmung auf, die sich dann einmal auch in einem ziemlich wilden Teil entlud, zu dem Spielmann mal krass ausflippte.

Bin gespannt wie es mit 1000 Robota in Zukunft weitergehen wird. Ich gebe ihnen immer noch 10/10 Punkte. Auch wenn der von der Bühne getretene Mikroständer mein Knie traf dergestalt, dass dies 24 Stunden später noch Schwierigkeiten bereitet, sind 1000 Robota nicht von dieser Musikindustrieszene, sie sind ein seltener Fall von Überband, und wir sollten froh und tanzbar darüber sein, dass es sie gibt!

Genug vom Bogen 2 und in Gegenrichtung zum c/o pop Chef Oberhaus, der zu den danach aufspielenden Ja, Panik einlief, griff mich draussen ausgerechnet das Rockpalast Filmteam ab. Die schnuckelige Moderatorin war zwar noch gar nicht geboren als ich meinen letzten Rockpalast Gig besuchte, und verwundert warum ich denn jetzt gehe, wo doch Ja, Panik…,  ja und, man konnte auf der c/o pop eben nicht alles haben!

Es gab noch interessante andere Bands,  Parties, Meetings, die bekanntesten dabei Uffie, New Young Pony Club oder We Have Band. Nur blieb ich anschließend in Ehrenfeld hängen, zwischen einer Geburtagsparty (“Verräter, wenn du nicht kommst”) im Klub Scheisse und dem Sensor, wo der Newcomer Sizaar (Namedroppin ist alles..) meine Erwartungen null erfüllen konnte. Dafür war das Ambiente einer “Rettet die Meere mit Liebemachen” Deko umso erfrischender.

Hätte ich gewusst dass Kompakt 3000 nebenan in der Papierfabrik -, oder nicht vergessen dass Ed Banger im Bootshaus … vielleicht schließt sich mir das nächste mal jemand hübsches mit Late-Night Scoutingqualitäten an, ich wäre dafür :)

Alles weitere gut zusammengefasst unter: http://copop.tumblr.com



Kommentare / Comments:

  1.  
    1. Max  

    Zitaträtsel:
    Ich bin zu faul nachzuschauen, rate aber:
    Max Goldt – Wenn man einen weißen Anzug an hat

    richtig? falsch?