Selbst Dorfdisco gratuliert Lena Meyer-Landrut!


– und erklärt warum ihr Sieg überfällig war

März 13th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Selbst Dorfdisco gratuliert Lena Meyer-Landrut!
Lena Meyer-Landrut, Foto: Facebook

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Hat gestern Abend jemand zugeschaut? Beim Finale zum Eurovision Song Contest? Wenn nicht, ist das verzeihbar, schließlich ist diese Veranstaltung seit Bestehen (Ausnahme: ABBA, 1974) das Vorführmodell zum Abgewöhnen, die Musik, die Auftritte und die Künstler eine klare Richtlinie dafür, wie es nicht sein darf.

Dabei ging das „wie es nicht sein darf“ für Deutschland soweit, dass man zuletzt voller Vertrauen in die letzten Plätze rasselte (No Angels – Disappear, 2007).

Was folgte war eine fast unumgängliche Kapitulation vor Stefan Raab, dem VW-Käfer der deutschen Fernsehunterhalter, der schon seit Jahren auf dem aufsteigenden Ast der deutschen Fernsehunterhaltung sitzt und wildert. Raab, der ausgerechnet mit dem vom europäischen Wettbewerb abgeschauten Bundesvisions Contest ein Achtungserfolg in Richtung nationaler Musik gelang, schaffte es nun erstmals Kandidaten zu casten, die bis ins Finale hin aufhorchen ließen.

Dass sich dabei eine bildhübsche und mit ebenso feiner Stimme ausgestatte Kerstin Freking an eher unbekannte Lieder von z.B. Regina Spektor wagt, war alleine  schon überraschend, und umso mehr, als dies selbst bei, ich behaupte mal, über Regina Spektor uninformiertere Fernsehzuschauer bis zum Halbfinale reichte.

Das Finalpaar jedoch, bestehend aus Jennifer Braun und jener Lena Meyer-Landrut, aber war für hiesige Verhältnisse im Prinzip so revolutionär wie logisch. Logisch weil es geradezu über Jahrzehnte in der Luft lag, man jahrelang nur den Kopf darüber schütteln konnte wie einfallslos die deutsche Hitparade ist, sich dies zuletzt aber nur langsam, durch weitere, semi-einfallsreiche Künstler wie Ich und Ich, Peter Foxx, Silbermond oder diesem Jan Delay bewegte, und revolutionär, weil der Finaleinzug von Braun und Meyer-Landrut den endgültigen Abschied alter NDR und angeschlossener Musikgarden markiert.

Und dies lag nicht nur an Raab, der dies in einem seiner sechsundzwanzig Schlussworte richtig bemerkte, es hätten ja auch wieder nur eine hoffnungslose Anzahl mittelprächtiger Profilneurosen auf der Bühne stehen können, wer weiß, wie sich der Nachwuchs nach Silbermond und Jan Delay und das Abstimmungsverhalten im Allgemeinen entwickelt hat.

Aber zum Glück war dem nicht so. Jennifer Braun sang was ihre Reibeisenstimme hergab (so gut man eben zu den Heavytones Orchester “rocken” konnte) und erinnerte entfernt an jenes andere Stimmtalent namens Stefanie Heinzmann (die Schweizer Joss Stone). Da sah Lena Meyer-Landrut eigentlich schon wie die klare Verliererin aus, so viel weniger stark klang dagegen ihre Stimme, die die letzten Worte Love und Escape presste, weil ihre Version von Satellite so viel monotoner, und dadurch im Prinzip schwieriger war.

Den für sie geschrieben Song Love Me performte Meyer-Landrut zuvor schon super abgeklärt, klang für ihre 18 Jahre schon wie eine noch junge, aber erfahrene Soulsängerin, die man später noch an der Bar auf ein Getränk trifft. Vor Augen aber stand nur eine zierliche noch-nicht-mal Abiturientin, die in ihren eng an ihren Körper geschmiegten schwarzen Klamotten und Mezzo-Mix-Schnauze die Herzen aller jungen Zuschauer gewann.

Mal eine ebenfalls 18-jährige Zuschauerin gefragt, was sie an Lena so gut fand, dann war es der Gesamtauftritt, auch wie sie so „erzählt und geredet“ hat. Also jene Natürlichkeit, die das Medium Fernsehen immerzu vermissen lässt, wo es nur einstudierte Tränen duldet.

Ein Star zum anfassen aber, der unter der Decke ein solches Nervenkostüm mitbringt, frech locker  mithält und mit dem man gleichsam mitfiebern konnte wie mit keiner zweiten gecasteten Person bislang, das hat nicht nur Lena’s Sieg ausgemacht, sondern war gleichzeitig Meinungsvotum für eine Erneuerung und auch Meldung einer neuen, jungen selbstbewussten Generation, die immer schon mit mehr aussagekräftigem Pop als Identifikation aufwachsen wollte. Immerhin, Deutschland wird jetzt schonmal von einer pfiffigen 18-jährigen vertreten.

Und das ist genau das, was man über alle Jahre vermisst hat, wozu DSDS, Industrie und Bandwettbewerbe nie in der Lage waren und in der Lage sein werden, und es diesmal völlig anders ausgehen könnte – mit einem Sieg in Oslo nämlich, der der knochenalten deutschen Unterhaltungsbranche eine zauberhafte Frischzellenkur verpassen würde.

http://eurovision.ndr.de/teilnehmer/teilnehmer26.html

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