Santos – Heldentaten, die keiner braucht


Filmpremiere im Babylon Mitte 19.12.2005

Januar 14th, 2006 | 0 Kommentare ...  

Santos – Heldentaten, die keiner braucht
Ben Becker alias \"Santos\" in Santos - Heldentaten die keiner braucht

Von AC Horn

“Ben Becker ist Santo” verkündeten große rote Aufhängebuchstaben am Filmkunstkino Babylon Mitte. Guter Trash aus deutschen Landen ist selten, und dass ausgerechnet ein Film mit der mexikanischen Wrestling-Ikone “Santo” stattfinden sollte, war für mich mehr als überraschend.Ich wusste nicht, dass so etwas über den engen Insiderkreis von eingeweihteren Filmfans bekannt wäre. Dabei sind viele amerikanische Film-Superhelden von mexikanischen Wrestling-Figuren beeinflusst, so auch Spiderman, der nicht anderes als die Fortführung dieses Konzeptes mit SciFi-Komponente ist: per Biss durch eine radioaktive Spinne, der Peter Parker’s Kräfte in surreale Dimensionen potenziert.

In den naiven mexikanischen Santos-Filmen der 60/70er Jahre ist alles eine Frage der körperlichen Kraft, nicht der intelligenten Lösungen. Der Wrestler-Schauspieler Santo (1917-84) war identisch mit der von ihm in Filmen dargestellten Figur; er trug bei allen öffentlichen Auftritten die silberne Maske des Lucha Libre (übersetzt etwa “freier Ringkampf”). Erst eine Woche vor seinem Tod desmaskierte er sich selbst im TV, nachdem er fast 50 Jahre die mexikanische Wrestling-Szene regiert hatte.

Zu Beginn und Ende seiner Filme steht Santo meist im Ring gegen andere maskierte Luchadores, während der Rest der Handlung mit grotesken Copycat-Ideen z.B. aus den Universal Horrorfilmen der 30er Jahre oder SciFi-Motiven aus den 50ern bestritten wird. Zum Beispiel ist “Santo vs. la Invasion de los Marcianos” (1967) ähnlich sympathisch wie Ed Wood´s “Plan 9 From Outer Space” (1959), während Wolfsmenschen und Dracula in “Santo y Blue Demon contra Dracula y el Hombre Lobo” (1973) es darauf abgesehen haben, Mexiko in Chaos und Verderben zu stürzen.

Becker, Streich, Schüppel

Schauspieler, Kameramann, Regie: Becker, Streich, Schüppel

In Schüppel´s Fassung fiel Santos auf die Erde, ist seiner übernatürlichen Kräfte beraubt und verlor mit ihnen den Grund seiner Existenz. Nur in der Begegnung mit Kreaturen wie ihm selbst, dem Zwerg, dem Cowboy, dem toten Schwein tut Santos, als gäbe es noch Helden in dieser vergessenen Welt. Dazu läuft er nachmittags mit nicht ungebundener Wrestling Maske in Mitte herum, besteigt Glascontainer oder versucht auf der Straße gefundene Weihnachtsbäume auseinanderzubrechen. Aus dem Off wird Santos zu allerlei Unfug angefeuert, so dass selbst der Kameramann sich kaum beherrschen kann loszulachen.

Vor dem Screening verkündete Becker aber dass die “Dreharbeiten” 5 Jahre in Anspruch genommen hätten, und dass man mit dem ZDF in Sachen kleines Fernsehspiel verhandelte. Nun ja, das Ergebnis sieht eher aus wie ein im Schnellschuß Verfahren auf der Torstraße bzw. im alten White Trash gedrehtes low-tech Video, wo man einen amüsanten Nachmittag oder Abend verbracht hat, weil gerade sonst nichts los war. Um den Kostenfaktor zu minimieren war eine wohl eine Ein-Chip-Videokamera und O-Ton, der später mit etwas stimmungsvoller Musik aufgeladen wurde, völlig ausreichend.

Wenn man ehrlich wäre, würde man die ganze Sache als klassisches Guerilla Filmmaking bezeichen: mit minimalsten Mitteln den maximalen Effekt erzielen (das Video lief immerhin schon auf den Hofer Filmtagen), wobei man sich fragen muß, warum plötzlich (in hiesigen Landen) etablierte Leute wie Becker und Schüppel Guerilla Style arbeiten müssen/wollen? Ben Becker meinte das ist Punk Rock/Rock n´Roll, was ich voll unterschreiben kann, aber haben gerade die das noch nötig? Meine Theorie dazu: sie sind Filmfans (wie ich auch) und das sollte man gelten lassen, auch wenn es etwas hochkulturell aufgeladen wurde und jetzt sozusagen “Kunst” ist. Für mich war es einfach Fun, und das zählt.



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