Primavera Sound Festival 2010


Barcelona, 27 – 29 Mai 2010.

Juni 4th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Primavera Sound Festival 2010
Monotonix at Primavera Sound Fest. Foto: Levinski

Von Monika Levinski

Schön, dass man als Berliner Indie-Fan die Wahl hat. Entweder, man kämpft sich bei nasskaltem Herbstwetter in April und Mai zu vielen kleinen Gigs in den einschlägig bekannten Clubs durch, oder man spart ein bisschen und fliegt zum Primavera-Festival nach Barcelona. Da hat man 240 dieser Bands auf einem Haufen, verteilt auf 3 Tage und bei konstanten 20 Grad!

So entschieden, traf man im Laufe des Festivals auf insgesamt 100.000 Gleichgesinnte, die sich über die Tage vor 4 großen und 3 kleinen Bühnen versammelten und ein Bild von der aktuellen Szene machten. Als Headliner fungierten wie jedes Jahr alte Hasen, die Vorbilder vieler jungen Bands von heute. Allen voran im zehnten Bestehungsjahr Pavement und natürlich die Pixies, die am Freitag sicherlich ¾ der 35.000 Besucher zur Hauptbühne zogen.

Einen standesgemäßen Auftakt erlebte, wer am ersten Festivaltag um 19 h zur Vice-Bühne stiefelte, wo Monotonix aus Israel auf dem Plan standen. Sagenhaftes hörte man von den Live-Shows der Band aus Tel Aviv – vor allem in ihrer Heimatstadt sind Polizeieinsätze offenbar an der Regel. Das Trio besteht auf größtmögliche Nähe zu den Fans und platziert sich bevorzugt mitten im Publikum. So auch heute. Halbnackt, vollbehaart, biergetränkt und mit vollem Körpereinsatz, dafür gänzlich ohne Manieren, bahnte sich die Band einen Weg durch die Menge, dabei so gut wie eben möglich musizierend. Marching-Band neu definiert. Das Schlagzeugset wurde in Einzelteilen von beliebigen Zuschauern herumgetragen, einer musste die Bassdrum halten, damit Sänger Ami Shalev drauf steigen konnte und am Ende wurde auch noch die seitliche Tribüne geentert, wobei das Becken von unten angereicht wurde. Dazu wurde geschrammelt und ge-cock-rocked, was das Zeug hält. Ein Traum. Etwa in der Mitte des Sets mussten sich alle hinhocken, um wenigstens ein Mal freie Sicht auf die Band zu gewähren. Der dargebotene Song gipfelte in ein 70s Gitarrensolo und – natürlich – gemeinschaftlichem Aufspringen und wildem Gepoge. Besser kann ein Festival nicht beginnen und erste Bedenken stellten sich ein, wer das noch toppen sollte.

Etwas benommen stand man danach vor Mark E. Smith und der aktuellen Besetzung von The Fall, der aber ebenfalls etwas benommen wirkte, und auch wenn das Publikum zahlreich erschienen war – Ekstase ist anders. Weiter gezogen also, um das Ende von Titus Andronicus zu sehen, hätte man vielleicht mal eher vorbei schauen sollen. Dann gingen ungefähr alle zu den gehypten XX, musste man aber nicht, denn auf der Vice-Bühne gab es die spanischen Pony Bravo um die Ohren, eine der wenigen einheimischen Bands, die klingt wie eine spanische Version der Doors.

Nächster Höhepunkt waren The Big Pink, die letztes Jahr etwa zur gleichen Zeit hochkamen wie The XX. Nicht unbedingt nachvollziehbar, warum die gepflegt-gezupfte Langeweile so viel erfolgreicher ist als der dichte Hymnen-Wave von The Big Pink, aber gut. Dominos setzte sich auf jeden Fall erst mal im Ohr fest.

Danach mal kurz bei Broken Social Scene gelangweilt und Pavement hauen einen dann auch nicht so vom Hocker wenn man mehrere hundert Meter von der Bühne steht, vor den Dixie-Klos wartend. Umso ärgerlicher, die gleichzeitig aufspielenden Sleigh Bells verpasst zu haben. Da gab es dem Vernehmen nach doch etwas mehr fürs Auge und die Beine. Wenn nur der Sound auf der Pitchfork-Bühne nicht so durchgehend schlecht gewesen wäre. Aber Sleigh Bells gehören auf jeden Fall auf die Liste „Hingehen, wenn die in Berlin spielen“!

Auf der befindet sich auch Chrome Hoof, das letzte Highlight des Abends. Eine aberwitzige Mixtur aus Metal und Disco und die Frontfrau mit dem heißesten Outfit des Abends, wenn nicht aller Zeiten. Ein schräges Spektakel, völlig überladen und hektisch, mit Streichern, Bläsern, Hardcore-Gebelle, Discobeats und allem Pipapo. Nichts für einen romantischen Abend zu Hause, aber das beste, was einem Festival passieren kann. So konnte man befriedigt den Heimweg antreten, bzw. zur Schlacht um ein freies Taxi antreten. Die Berliner werden sich jetzt fragen wie der Auftritt von Moderat in der Nacht noch war – dort gebliebene Mitreisende berichteten von massiven Soundproblemen, genervten Musikern und müdem Publikum.

Nach so einem fulminanten Auftakt konnte man den Freitag ruhiger angehen lassen und erst gegen halb neun zu Spoon erscheinen, die auf der Hauptbühne San Miguel spielten. Hier wollte der Funke jedoch nicht so recht überspringen und so bot es sich an, zu Condo Fucks auf der Vice-Bühne zu wechseln. Condo Fucks sind Yo La Tengo, wenn sie Cover von Slade, den Stooges oder Kinks spielen. Das rockte, okay.

Dann gab es ein überaus mitreissend-romantisches Set von Beach House an der ATP-Bühne. Wer hätte gedacht, dass sie mit ihrem ‘Dreampop’ ein großes Festivalpublikum begeistern können. Wahrlich traumhaft. Dennoch blieb keine Zeit zum Verweilen – nach zwanzig Minuten betraten parallel Wire die Vice-Bühne. Man kennt das von ihnen, aber Sie schienen heute besonders grumpy drauf zu sein und der aufkommende Wind sorgte leider ständig für Soundverwehungen, sodass auch hier keine rechte Stimmung aufkommen wollte. Aber macht ja nichts – dann schaut man halt mal kurz bei Wilco an der Hauptbühne vorbei (auch irgendwie langweilig) und dann gab’s auch schon Japandroids auf der Pitchfork-Bühne. Die sind ja im Februar erst durch den Bang Bang Club gefegt und auch an diesem Abend gab es wieder die volle Dröhnung um die Ohren. Bewundernswert, wenn man bedenkt, dass die zwei Kanadier seit Juni 2009 ununterbrochen auf ihrer ‘Post-Nothing-Tour’ sind. Sie wirkten dennoch frisch wie der Morgentau in Vancouver und gewannen sicherlich mit ihrem emotionalen, rauhen Garagensound neue Fans.

King Khan & BBQ Show hatten es dagegen schwer, an diesem Abend neue Anhänger zu gewinnen, sie mussten gegen die Pixies antreten. Unsereins fiel natürlich die Entscheidung leicht, denn King Khan, in diesem Fall mit Mark Sultan alias BBQ Show, ist immer eine Reise Wert. Sonst ja immer mit großem LineUp, den Shrines, oder neuerdings als Supergroup The Almighty Defenders, liefern King Khan & BBQ Show eher primitiven Straßenmusiker-Rock’n'Roll mit hohem Spaßfaktor. Es wurde entsprechend ausgelassen getanzt und getrunken zu fortgeschrittener Stunde.

Etwas ernster ging es zum Abschluss bei Yeasayer zu. Vor allem während des Soundchecks, der eine gefühlte Stunde dauerte. Alle Bandmitglieder und weiterer Anhang wuselten extrem wichtig auf der Bühne herum und noch ein „hey – one, two“ und noch mal an den Saiten gezupft und in die Tasten gehauen. Meine Güte! Sänger Chris Keating wurde einem auch im Verlauf der Show nicht sympathischer, wie er da mit der Optik eines Physikstudenten, die Hände autoritär in Hüfte gestemmt, die Songs zum besten gab. Die sind dafür umso abgefahrener. “Middle-Eastern-Psych-Pop-Snap-Gospel” nennen sie es selbst und man möchte noch „influenced by Talking Heads“ anfügen. Das hat man so noch nicht gehört – Middle-of-the-Road-Musik à la Fleetwood Mac über electronischen Beats – teilweise genial.

Photos: Primavera Sound Fest 2010

Der Samstag ist schnell erzählt – 25 Grad – Zeit für Sight-Seeing. Ab auf den Doppeldecker-Bus, im Parc Güell ausgestiegen und dort den Tag verbracht. Erster Gig am Abend: The Slits. Punk-Songs wechselten sich mit Reggae-Langweilern ab, alles mit großer Inbrunst vorgetragen – ein launiger Einstieg zum Warmwerden. Danach gab es eine weitere Frauenband zu bewundern: die Dum Dum Girls. Bewundernswert aber lediglich das Aussehen der Mädels, einheitlich im ‘Emily The Strange’-Look gekleidet. Ansonsten war der Auftritt eine einzige Enttäuschung! Der 60s-Sound trägt nicht länger als 4 Songs, und wohl selten hat man derart uninspirierte MusikerInnen auf einer Bühne stehen sehen. Beweist, dass nicht alles Gold ist, was auf Subpop glänzt.

No Age litten unter schlechtem Sound, vielleicht klingen sie auch immer so live, auf jeden Fall waren Japandroids um Welten besser in der LoFi-Kategorie. Danach gab es einen Abstecher zu Gary Numan, der zu Trent Reznor mutiert ist, nur in schlecht.

Anschließend galt es Messe zu feiern mit der Allstargroup The Almighty Defenders. Halle-fuckin-luja! Unser Freund King Khan, BBQ Show und die Black Lips lieferten ein Gospel-Spektakel ohnegleichen. Da wurde auf die Bühne gekotzt und der Roadie geküsst, woraufhin der fast eine Schlägerei anzettelte. Das Publikum reckte die Arme gen Nachthimmel und sang Bow Down and Die und ist für alle Zeiten bekehrt.

Eigentlich hätte man da schon nach Hause gehen können, doch all die Liebe in der Luft musste noch irgendwie weg, sonst hätte es eine gute Laune-Vergiftung gegeben. Und so gab man sich noch eine halbe Stunde der puren Aggression von Health hin. Gelähmt, gebannt und staunend.

Zeit für ein persönliches Fazit: Es gibt wohl wenige Festivals, auf dem die verschiedenen Herangehensweisen an Musik so deutlich werden. Ich habe nur einen Bruchteil des Angebotes gesehen und dennoch reichte die Bandbreite von verkopft über verspielt und verträumt bis hin zu verquer und verrückt, manchmal auch verbissen. Und dann kommt man um 5 h morgens ins Apartment und erfährt, dass Lena Meyer-Dingsbums den Eurovision Song Contest gewonnen hat. Es gibt also für alles eine Bühne auf dieser Welt. Und das ist auch gut so.



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