MAX FRISCHKÄSE: Grüße van Beethoven!


Ein nächtlicher Streifzug durch die Szenehauptstadt Bonn

März 22nd, 2009 | 0 Kommentare ...  

MAX FRISCHKÄSE: Grüße van Beethoven!

Von Max Frischkäse

Im Rheinland scheint wie immer die Sonne, was aber nicht heißt, dass man dadurch automatisch besser drauf kommt. Gestern abend mal auf der Suche nach einem LOKAL gewesen, wo man mal h i n g e h e n kann!

So  hörte ich von einer neuen Location namens S p u t n i k, als wäre dies der neueste Schrei des Universums. Vor dem Eingang dunkle Security Typen mit Frutten vor stampfenden Technobeats aus dem Keller. Heute Ladies Night, Einlass für Frauen bis 0 Uhr kostenlos und Happy Hour Special: Vodka 1 Euro bis 0 Uhr. Nein Danke, hab meine Frauenkleider im Shuttle gelassen.

Also mal weitergeforscht und kurz vor dem Hauptbahnhof spontan angehalten, hier gab es doch mal das C a r p e N o c t e m, uralt Laden, was macht der denn? Und wirklich, da prangt noch die alte Reklame am Haus und die alte, zweiführige Treppe hinunter in den Keller gab es auch noch! Noch vor der Kasse wird man von einer Mitt-Zwanzigerin in schwarzem Top und rot-schwarz gefärbten Haaren abgefangen: man muss erst Mitglied werden, weil es keinen Raucherraum gibt. Kein Problem, denke ich und gebe Namen und Adresse an, die sie sogar auf dem Perso kontrolliert. Dazu eine Telefonnummer oder Email Adresse bitte… eh, dorfdisco ät dorfdisco mit c und punkt de sage ich, worauf ich ungläubige Blicke ernte. Dann löscht sie meinen Datensatz und sagt Ok, geh durch, und ich frage noch, glaubste nicht? Nee, glaube ich nicht.

3.30 Euro Eintritt ist nicht die Welt und schon bin ich der alten Disse, in der man früher sogar mal Speed nehmen konnte. Heute füllt sich der Laden mit ok-ok Publikum, welches man auch auf Rock am Ring oder bei Maximo Park vermuten würde. Der DJ, füllig und in einem ausgewaschenen Sweatshirt gekleidet, steckt hinter einer hohen Plexiglasscheibe CDs in irgendeine Holzbox. Erst amerikanischen Crossover, dann tanzt ein wild gewordenes Gemenge zu Foo Fighters, Prodigy, Pendulum, Killers, Hit the Road Jack (vers), Tom Jones!, und einem unterdurchschnittlichen Remix zu Thats Not My Name von The Ting Tings, als ich nicht schnell genug wegsehen kann von einer ihr Becken vorschiebenden Tänzerin, wie sich ihre Lippen zu dem Refrain des Stücks formen und dem Typen gegenüber mit doppelten Zeigefinger ihr I never say anything at all ins Gedächtnis streicht.

Ich habe noch gar nichts getrunken, kippe aber leicht zur Seite ins Gehör eines wie mir schien, ansprechbaren Carpekenners, der sich auch gleich als auskunftfreudige Sekundärquelle erwies: ja seit 15 Jahren sei er schon hier, fast täglich, wo kann man sonst in Bonn hingehen? Donnerstags gibts 60er bis 90er, Freitag sei er eigentlich nie hier, zu Kindergarten mäßig, Samstags ist ok, wenn sie mehr 70er spielen würden wäre bestimmt mehr los … 70er? So alt sah er eigentlich nicht aus mit seiner schwarzen Brille und gefakten Lederjacke, die sind alle von 20 bis 40 hier, fuhr er fort, da käme was progressiv 70er Jahre mäßiges gut an, so wie im F l o w e r s in der Dingsda Straße. Flowers in der was-Straße? Doch noch ein Laden den ich nicht kenne vielleicht? Vielleicht ein verschollener Hit, eine ungehobene Tiefseeperle, ein achtlos liegen gebliebener 12-richtige Tippschein, wo sich die IN-Szene heimlich zu total abgefahrenen Meetings trifft und nebenbei noch die musikalisch-kulturelle Verortung des gesamten Nachtlebens abspricht?

In der T-Mann Straße, quer gegenüber vom Stadthaus um die Ecke von der Sparkasse, also dort wo er es mir beschrieb, fiel es mir wie 2 Schuppen von den Augen. Den Laden hatte ich immer für eine örtliche Karnevalshochburg gehalten, ein Fingerfarbmalselbsthilfeprojekt für Problemroller am Telefon, oder zumindest Klapskügelchen fürs Esogefühl. Dort also gings jetzt rein, irgendwann muss es ja sein. Die Tür öffnete sich nach außen, und dahinter hatte man sogleich den totalen Überblick über das Geschehen: entlang den Wänden, die mit selbst angefertigten Malereien von so Steinzeitalbumcovern wie Deep Purple in Rock oder Tina Turner – schreiend neben einer Menge bunter Lämpchen und Tingel Tangel im drapierten Flohmarktstyle aufwarteten, verteilten sich 2er (und 3er) Pärchen, leicht in sich gesunken in unförmigen Jeans und zum Haare färben bereit. Wenn du dich hier an die Bar setzt, denke ich noch, kriegst du das nur mit doppelten Whiskys geregelt, solange bis dich der Fleischberg von Türsteher rausschmeißt, weil du die Blonde an der Bar mit den falschen Geschichten belästigt, oder den langhaarig bezopften DJ mit dem Goagrinsen zu sehr über den neuesten, völlig abstrakt verhackten Housekracher genervt hast. Der Türsteher, der mich auch hier abfängt wie die Fliege im Netz der Spinne, fragt nach meinem Mitgliedsausweis -oder hier eintragen. Äh, danke, in der Tür geirrt nur, stottere ich noch, und verdrücke mich in Richtung B l a, dem letzten Anker in dieser von der Nachtkarte gestrichenen City, der kleinbürgerlichen Extremhaltung in Minigruppen, der Beschwerdeführung in Sachen Unterhaltung und ausgelassener Parkplatzsuche sowieso.

Die Stufen zum B l a hüpfe ich an ein paar jugendlichen Indieteens hinauf wie ein junger Gott im entscheidenen Moment, so wie ein Sportstar, der gerade die gegnerische Mannschaft abklopft, und seine Blicke wie tödliche Pfeile in die Augen seines Gegenübers blitzt, so wie: hier, ich kann es noch, ich bin noch da, ihr könnt mich mal und mach noch drauf, als ich direkt in die tätowierten Arme und mit unzähligen Eisen genieteten Lederweste bestellten Ur-Bonn-Punk Samir tanze: HÖÖÖ… Frischkäse!.. Wann warst du denn das letzte Mal hier?.. Zwei Bier..! Auf die alten Taage Alter!.. Der Wind weht doch immer nur in die eine Richtung… Prost und So! Und auch Volker, der neuerdings bei der Zeltinger Band Gitarre spielt und hier immer so alles im Griff hat und jetzt eine Cockney Rejects Nummer nach der anderen in den siffigen Player schiebt, grinst zu mir rüber. Oi, gibts hier denn kein Vinyl? Die Rejects packe ich dir noch als SEVEN INCH aus, brülle ich rüber, und bekomme mit einem Fuckfingerzeig auf die zwei in Racks gelassene Technics Player ein wenn du willst dass die ihr Bier auf deine Platten pissen, dann pack schon mal aus zurückgekontert.

Gibt doch kein Platz als den hier denke ich, und biete Samir zum Spaß einen Klamottentausch an: echt türkisches Businesshemd gegen Folterklatte, gestern gegen morgen, gemacht gegen getan, und ein paar aufs Leben wartende Heizdecken glotzen blöd vom Fenster rüber. Das sitzt, wenigstens das, ein kleiner, billiger Rausreißer als Event, zwei Bier noch, Ton Steine Scherben, Bässe mann, mehr Bässe! Und Volker grinst mir wieder seinen Fuckfinger entgegen, und spielt anschließend die deutsche Fassung von David Bowies Heroes.

Samir O. (links) und Volker (rechts) beim Bonner Blapunk Karaoke 2008, Foto: Dorfdisco 2009

Samir (links), Volker (rechts) beim Bonner Blapunk Karaoke Mai 2008, Foto: Dorfdisco 2009

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