MAX FRISCHKÄSE: 4hr Partypoeple


März 11th, 2009 | 1 Kommentar ...  

MAX FRISCHKÄSE: 4hr Partypoeple

Von Max Frischkäse

Wenn das nicht klappt bist DU Max Frischkäse , stand in der SMS, die ich von der Band in den letzten Stunden vor ihrem Auftritt noch erhielt. Max Frischkäse – haha, dachte ich mir, das verleiht nem alten Zossen gleich ein paar neue Flügel, so ein Name hält jeden Mist in der Luft!

Also raus an dieselbe, rein in den S-Bahnschacht und ins pulsierende Berliner Nachtleben voll fremdsprachiger Wortgewürze und mutig herum springender Zirkusraver mit kleinen Bowlerhütchen am Kopf. Da mein richtiger Name nicht auf einer der meterlangen Gästelisterollen stand, juchzte die Stempeldame bei dem Namen Max Frischkäse auf, ah DU bist das, und verband gleich schon mal mein müdes Gesicht mit diesem. Wie viele Frischkäse gibt es denn, fragte ich in der Annahme, dass es mehrere geben müsse, so als abbuchbare Gästelisten-Wildcard. Es gibt nur EINEN Frischkäse, jauchzte sie zurück und drückte mir ihren Stempel in die Handfläche, und ich bedauerte meine Frage sogleich, bürdete mir diese Info doch gleich so was wie Verantwortlich-mit-umgehen auf.

Im Scala verloren sich zu der Zeit erst ein paar wenige Frühstarter, und über das Warten auf die Band wurde mal wieder klar, wie es sich so als Frischkäse lebt. Das ein und ausgrenzen ist nämlich eines der wichtigsten sozialen Umgangsformen im Club. Nur im Club kann man zeigen zu wem man gehört. Hat man keine eigenen Kontakte mitgebracht, muss man sehen wo man bleibt. Man kann nur zusehen wie sich Andere  angeregt unterhalten, und hinzugezogene Berlinimpressarios, die einen deswegen schonmal gesprochen hatten, haben es nun nicht mal mehr nötig zu grüßen. Noch schöner ist zuzusehen wie wenn sich jemand mit jemanden unterhält, den man vielleicht viel länger kennt als der, mit dem er sich unterhält. Man hätte gerne mal so Sachen gesagt wie ihr Star hat auch in meinem Bett geschlafen, oder das letzte Mal wo ich Gahan sah, traf mein Whisky seine Hose. Na ja, vielleicht wäre das auch nicht so gut angekommen, aber bestimmt besser als das nette Dauernicken der Gesprächspartner.

Als Frischkäse wird mir wahrscheinlich auch niemand etwas abnehmen, und so denke ich mir ach wie gut dass niemand weiß, dass ich Maxfrischkäse heiß. Mit Betonung auf Max, versteht sich. Mittlerweile füllt sich der große Clubtanzraum schon gehörig, immer enger werden die Zwischenräume, und immer lauter und desorientierter das Treiben. Erst als Kissogram die improvisierte Bühne betreten, richtet sich das von lauten Diskobeats übertönte Chaos auf Kommando aus, dorthin wo jetzt Jonas steht, der Sänger von Kissogram, die demnächst mit Franz Ferdinand auf Tour gehen, wie immer cool und nichts sagend, wie vor einem Fahrkartenautomaten.

Jonas Poppe, Kissogram at Scala 5/3/2009

Jonas Poppe, Kissogram at Scala 5/3/2009

Ich stelle mich lieber in die zweite Reihe, nur nicht auffallen, und höre die ersten Titel der Band, die jetzt mit Joe Dilworth am Schlagzeug agiert. Sebastian hat neuerdings auch so ein Keyboardrack, in dem die einzelnen Keyboards und Drumboxes wie eine Treppe angeordnet sind, und Jonas trägt auch schon seit einiger Zeit eine Gitarre um die Schulter, die in den Breaks laute Ratatata Akkorde hämmert. Es scheppert und groovt, und um die Band wuseln zwei Fotografen mit jeweils sündhaft teuren Bombercams, deren schräg abgedrehte Blitzlichter mich ein ums andere Mal ins Auge treffen. Auch die Lichtanlage der Disse schwitzt aus allen Quellen und versetzt die dicht gedrängten in nur noch größere Extase.

Es wird mir zu eng hier, rufe ich dem Labelchef von Louisville, Patrick Wagner neben mir ins Ohr, und vielleicht bei Franz Ferdinand, im Fotograben! Er scheint das nicht verstanden zu haben, grinst und grüßt zum Abschied indem er nur kurz den Kopf hebt. Mehr ist hier eh nicht möglich denke ich, und versuche auf dem Ausweg noch einen Abstecher zur Toilette, deren Kabinen alle besetzt sind und von lärmenden Früchtchen bevölkert werden. Das heißt, nur die männlichen Früchtchen pöbeln sich lautstarke Sprüche durch die Türen, während die Mädchen stumm in einer Reihe abwarten, bis sie nacheinander dran sind.

Auf dem letzten freien Weg nach draußen merke ich auch wie stark der Besucherandrang mittlerweile geworden ist. Die eckige Treppe hinunter bis zur Türe stehen sie schon, und vor der Türe steht eine noch längere Schlange im kalten Wetter, teilweise nur in T-Shirts. Ich aber ziehe mir die Jacke zu und gehe um die Ecke auf die Oranienburger Richtung White Trash. Dort soll heute Abend Glen Matlock von den Sex Pistols auflegen.

Das gefällt mir bestimmt besser, denke ich und erinnere mich beiläufig an Momente, als ich selber so ein Punkfrüchtchen war und auf Pretty Vacant stand. Auf den an den Laternen geklebten Anschlägen steht The Sex Pistols in der berühmten Buchstabenschrift, und darunter mit Filz feat. Glen Matlock. Dabei müsste es ja eigentlich Glen Matlock feat. The Sex Pistols heißen, wenn man’s mal historisch genauer betrachtet, oder Glen Matlock feat. The Pet Shop Boys, wenn man es humoristisch betrachtet. Auf dem Weg kommt mir auch noch ein mergeliger, irgendeinem modischen Museum entlaufener Protopunk entgegen, der ein kunstvoll drapiertes Sex Pistols T-Shirt über einem Sweater trägt. Falsche Richtung, denke ich, und das kann ja was werden.

Die Schönhauser Allee hinauf stehen Gruppen dunkel gekleideter Typen und Mädchen mit rot gefärbten Haaren herum, deren Satzfetzen sie als englische Touristen von vor dem Gothic Laden Last Cathedral identifizieren und vor dem White Trash noch mehr Leute, die sich so Sachen wie Ich weiß, der steht auf Glen, und Glen wer? sagen, und dann zur Tür hinein drängen. Ich warte derweil lieber noch ein wenig bis sich die Gruppe an der Kasse vorbei die Treppe hinunter geschoben hat, und versuche es noch einmal mit meiner alten White Trash Mitgliedsmarke, vielleicht kann sich der Kassierer ja noch an sie erinnern, denke ich.

Glen Matlock, Sex Pistols at White Trash, 5/3/2009 - Photo: Dorfdisco 2009

Glen Matlock, Sex Pistols at White Trash, 5/3/2009 - Photo: Dorfdisco 2009

Mein maximales Lächeln aber hätte man sehen sollen als sich herausstellte, dass die Kasse mit Betty La Gachette von der Berliner Artgroup Film 2 besetzt war, die erst letzen Monat eine neue Single zusammen mit Tonja Reeh, a.k.a. Monotekktoni aufgenommen haben. Man sieht sich ja nur noch so einmal im Jahr, stellten wir fest, und ich durfte auf ihr Geheiß hin so eintreten. Unten drängten sich junge Musikfans, die man kleidertechnisch weder Indie noch Punk, allenfalls sonstiges zuordnen mochte. Ich bahnte mir eine mir bekannte Schnellabkürzung entlang der Bar zum DJ Booth, als ich Glen weiter hinten auf der Bühne erspähte. Puh, auch noch durch diese Menge, die gerade zu Heroes von David Bowie schwankt. Bis zur Bühne brauchte es noch gefühlte fünf Minuten, die ich mit was wisst ihr schon vom Hansastudio und dem Gedanken an Ever get the feeling you’ve been cheated? vertrieb. Matlock schien etwas verloren auf der Suche nach irgendeiner Nummer auf einer seinen vielen CDs zu sein, als ich ihm ein wuchtiges GLEN entgegen rief. Man schaute auf und ich schwenkte meine Kamera. Jetzt nur nichts falsch machen, drei Bilder ohne Belichtung oder Scharfstellen, punk as punk can … thanks man, and dont get gobbed! Glen grinste und grüßte zum Abschied indem er nur kurz den Kopf hob, und leitete auf Stupid Girl von Garbage über.

Das ist also der Typ, dem ich eine entscheidende, musikalische Wendung in meinem Leben zu verdanken habe, dachte ich noch auf dem Weg nach oben, wo sich ein paar Eventweiber in den Fenstervorhängen räkelten. Dann doch lieber den Tipp mit der Volksbühne auschecken, und laufe an einem Kiosk mit dem aktuellen Tip Magazin Cover Berlin für wenig Geld vorbei. Ich rechne zusammen was ich bislang ausgegeben habe, als ich die Volksbühne erreiche, aus deren Innereien irgendwelche lustige Bauernschlager erklingen. Es ist schon halb drei, und unten stehen ein paar Volksbühnen Mitarbeiter, die ich vorsichtshalber frage ob es noch Eintritt kostet… Ist frei, bekomme ich etwas irritiert zur Antwort, und zur Sicherheit dass Kante morgen erst spielt.

Oben im Foyer tanzt der Bär und in den Seitenausläufern sitzen dunkel dreinblickende Kompetenzen, die mich mit fragendem Gesichtsausdruck anstarren. Ich steuere mich zu einer kleinen Bar am Rand des Geschehens und bekomme gleich eine Flasche Bier für zwei Euro. Zwei Euro? frage ich mich, wie billig ist das denn hier, und lasse mein Blick erst über die Tanzenden, dann die Herumstehenden wandern. Nicht schlecht, alle mehr in meinem Alter und mit akademischer Fortbildung, denke ich mir, und postiere mich etwas abseits an einer verwaisten, mit leeren Bierflaschen und Plastikbechern übersäten Behelfsbar. Der DJ hämmert jetzt echten Trash, irgendeine auf zack gebrachte Dorfpunknummer, die das alte, aber vornehme Ambiente mit Genuss verschluckt. Die Menge schreit und rastet aus, während ich in meiner Nähe etwas von diesem typischen süßlichen Geruch wahrnehme, der meine Gedanken animiert. Ich drehe ich leicht um und lokalisiere zwei junge Typen in Turnschuhen und Jeans, während ich meine Kamera zücke und den Kronleuchter fokussiere, bevor ich eine Totale knipse, die das Geschehen charakterisieren soll. Der Geruch wird nochmals dichter, ich bleibe stehen und fokussiere den vollen Kasten leerer Flaschen unter dem Tisch.

Volksbühne Foyer, vorletzter Abend am 5/3/2009 - Photo: Dorfdisco 2009

Volksbühne Foyer, vorletzter Abend am 5/3/2009 - Photo: Dorfdisco 2009

Das weckt die Aufmerksamkeit der beiden Checker, und als ich ihnen meine kleine Bilderserie mit dem Sex Pistols Bassisten zeige, reichen sie mir netterweise gleich die halbe Jolle rüber. Man plauderte lässig über ein paar fiktive Mittelpunkte des Lebens, und nach einer kurzen Angrinspause bringe ich mich in der nur dichter werdenden Wolke in Stellung, fokussiere eine ganze Armada leerer Flaschen und komme mir vor wie ein Großbildjäger, der sich auf das aufspüren von Partyspuren spezialisiert hat. Dann hat mich auch der Alkohol wieder, ich leere meine Pulle in einem Zug und packe mich zur Bar, um mir noch eine zu holen.

Auf die Volksbühne!, denke ich, wer weiß wie du nach der Renovierung aussehen wirst, als die Lady Bier ist alle! rüberbrüllt. Was wie, Bier ist alle? Jetze? Hinter mir gehen wieder welche mit ihren Pullis und Jacken in der Hand Richtung Ausgang, als die Musik einen seichteren Ton anschlägt, zu seicht, um mitgezogen zu werden. So also, halb drei, was gibt es noch, überlege ich, Kalypso Katz im Lovelite, brummt bestimmt, oder Onkel Berni in der Villa, das wär’s, aber zu anstrengend es dort noch hinzuschaffen. Stattdessen nehme ich praktischerweise mal die U-Bahn zurück in meinen Kiez, und lausche in den langsamen Kurven noch etwas dem vielsprachigen Wortgewürz.



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