Knallhart in Neukölln


Die Premiere in den Karli Kinos in den Neukölln Arkaden

April 14th, 2006 | 0 Kommentare ...  

Knallhart in Neukölln
Jenny Elvers in \"Knallhart\", Photo © Delphi

Von Ramin Raissi

In die “Neukölln Arkaden”, eines der grausamsten Stücke 80ger Investitionsarchitektur, hatte Detlef Buck zur Premiere seines in Neukölln gedrehten Streifens “Knallhart” geladen. Was lag da näher als daraus eine “Neukölln affine” Premiere zu machen: Auf der Karl-Marx Straße Stimmung wie beim verkaufsoffenem Samstag. Dazwischen auffällig viele Mannschaftswagen vom FC grün/weiß. Befürchtete man Pariser Verhältnisse? Die BZ hatte ja schon Tage vorher die Werbetrommel gerührt. Von wegen “Knallhart” – ist das unser “Tal der Wölfe”? Der Untergang des Abendlandes?

Der rote Teppich war noch stilecht mit Plastikfolie überzogen, so wie man bei Oma auch nie den Küchentisch ohne Wachstuchdecke zu Gesicht bekommt. Um die Absperrung stand Premierenpublikum aus der Nachbarschaft, das es noch nie zu einer Premiere am Potsdamer Platz geschafft hatte. Der Film sollte in allen Karli-Kinos laufen, und das waren 10! Beim Eintritt in die hell erleuchtete Kathedrale des Kino-Wahnsinns fielen neben Hunderten von aufgeregten Besuchern – zumeist augenscheinlich Lokalmatadoren mit ABC Promis vermengt, vor allem die omnipräsenten Securities verschiedener Auftraggeber auf. “White Trash (der echte!) Aufstand an der Karl-Marx Straße” würde ich gerne in der BZ lesen, aber die haben was anderes vor.

Wir stellten uns bei der richtigen Liste an ( für jeden Buchstaben eine überforderte Kasse) und mussten unsere Ellebogen zur Hilfe nehmen, um nicht von den Massen, die offensichtlich alle Freikarten hatten, zur Seite geschoben zu werden. Nachdem wir aus dieser WSV ähnlichen, grotesken Drängelei raus und mit einer gelben Papphandschelle für Kino 7 präpariert waren, machte mein Freund die positive Anmerkung nicht noch im letzten Kino 10 gelandet zu sein. Dafür konnten wir uns nicht satt sehen anhand des prallen Neuköllner Lebens, Hausfrauen, Gangs und Mitte-Premierensnobs, alle durcheinander wuselnd. Wir hatten ja nicht nur alle Nachwuchs Gang-Banger vom Hermannplatz vor der Nase, sondern auch Jenny Elvers bla-bla, die alle mit TV Teams talkten. Es wurde Prosecco für lau gereicht und wir becherten “Tuntenschweiß”, wie der billige Schaumwein, am Nebentisch genannt wurde.

Ungefähr 20 Minuten nach Vorführbeginn war der Schweiß an dieser Bar alle. Da der Hauptfilm aber noch nicht mal ansatzweise anfing, sind wir noch über die Absperrungen in die VIP Bar, wo es nicht nur noch erwartungsgemäß zu trinken, sondern auch den vollen Überblick über die 10 Karli Kinos gab. Wir unterhielten uns aus aktuellem Anlass über Focault’s Essays über Gefängnisarchitektur, als Detlev Buck mit Crew und TV und Security nacheinander durch alle 10 Kinos hetzte und irgendwas nettes sagte. Wir hinterher, bis wir in unserem Kino 7 landeten. Buck vermittelte uns das Gefühl dass wir, die wir in Saal 7 oder schlimmer sitzen, genau das Publikum sind, auf das sich der Streifen bezieht. Danke, Tschüß.

"Du bist nicht locker"; Photo © Delphi

"Du bist nicht locker"; Photo © Delphi

Was folgte war ein gut gemachter Film, über etwas, was man aus dem Fernsehen oder von dem Schulhof her kennt. Wann immer Hot Spots wie Hasenheide oder Karl-Marx Straße im Film auftauchten stand das Kino Kopf. Als Kinofilm konnte mich “Knallhart” nicht überzeugen, eher als ein Fernsehfilm auf Kino gebürstet. Ich wurde das Gefühl nicht los das Ganze schon mal leicht modifiziert in einer Tatort- oder was auch immer Folge gesehen zu haben. Da konnten auch nicht ein paar geniale Szenen und eine souveräne Jenny Elvers bla-bla drüber hinwegtäuschen. Zwar blieb sie die Überraschung des Filmes, aber auch nur weil ich sie sonst aus der Schmuddelpresse her kannte.

Dem Kino aber scheinen solche Produktionen zu helfen dem Tod durch DVDs und Raubkopien zu entkommen. Die Massen schoben sich anschließend entweder zur Aftershow Party, die uns im Vorfeld schon zu gruselig erschien, oder wohin auch immer. Sie würden jetzt auch direkt in die “Giga Geiz Märkte” laufen wenn sie denn könnten. Ich hatte genug gesehen. Als ich zur U Bahn lief, verlor ich meine Begleitung. In Kreuzberg trafen wir uns dann wieder und er schlug einen gepflegten Absturz vor, den wir dann auch knallhärter hatten.



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