Herr Lehmann


Die Kreuzberg-Hölle von Leander Haußmann (Regie) und Sven Regener (Buch)

Oktober 15th, 2003 | 0 Kommentare ...  

Herr Lehmann
Als alles kaputt ging - die Eltern beim Geschäftsführer

Von

Herr Lehmann? Sehr lustig. Ja wirklich! So sollen wir nun gelebt haben, unsere Freiheit, auf dem Weg zur Hölle. Aber, wir sind nicht im Film, nö, wir waren in Berlin, genauer Berlin-Kreuzberg, und wirklich war das ein eigenes Terretorium, damals, Ende 80zig, mit der Mauer dranrum,
alle bescheuert, durchgeknallt, dekonstruiert, am körperlich-seelischen Limit sozusagen.

Als die Welle der frühen 80ger mit Hausbesetzungen, neuer aufregender Musik und Interesse aus dem Ausland abebbte, liess es die Hinterbliebenen auf sich allein gestellt, auf dass man in West-Berlin sein eigenes Mental-Desaster erlebte. Regisseur Leander Haußmann knüpft mit diesem Film zeitlich und räumlich parallell an seinen Vorgänger ‘Sonnenallee’ an. Nur, hier scheint nicht die Sonne, das Bild der Allee ist so dunkel wie eine regentropfende Kopfsteinpflastergasse.

Wir befinden uns noch einmal im Kreuzberg der letzten Mauertage. Ohne abzuwarten führt der Film ein in jenen typisch sinnentleerten Gestus. Nacht für Nacht saufen sich die Helden besinnungslos, während Tags junge Mütter ihre bunt bemalten Kinder in einschlägigen Café’s alternativ durchfüttern. Lehmann’s bester Freund Karl (Detlev Buck) hält sich wie nicht wenige damals (und heute) für einen kommenden Künstler, dessen nahende Ausstellung metallen wirr zusammengeschweisster Kunst aber doch nur räumlich gross und schwer wie sein Character selbst ist. Dann gibt es die schnoddrige Markthallen Köchin Katrin (Katja Danowski), die Lehmanns Zuneigung bei der nächstbesten Möglichkeit ausnutzt, sowie den vermeintlichen Gentleman-Loser Kristallweizen-Rainer-XY. Erst als Spitzel verdächtigt entpuppt sich dieser als Informatikstudent und schleppt am Ende auch noch Köchin Katrin ab.

Ein vielschichtiger und ganz gut treffender Actionstreifen basierend auf Sven Regeners gleichnamigen, fiktivem Roman ‘Herr Lehmann’ – ohne dabei groß durch die Haustür zu kommen. Hier bezieht sich der Streifen sehr auf die Bohemiens, sonst hätte z.B. noch klargestellt werden können, dass das Leben in Kreuzberg’s verwobenen Wohnkommunen nicht weit entfernt von DDR Machenschaften lag. Schließlich musste man schon sehr genau überlegen, welche politischen Statements man von sich gab. Gelacht habe aber ich trotzdem an Stellen, wo es im Neu-Berliner Nach-Mauer Publikum vielleicht aus Unkenntnis ganz still war.

Beispiel Beziehungen: damals schlief noch jedes imaginäre Lokalsternchen mit jedem imaginären Lokalheld. Der Unterschied zwischen “lieben” und “verliebt sein”, einer nackten Aktivität und der Zugabe seiner Exsistenz, steht typisch für jene schräge Symantik und als Kriterium dafür, ob dies nun ein One-night Stand oder ein gar utopisch-festes Verhältnis darstellt. Weil, man lebte auch in dem Bewußtsein sich sowieso dauernd über’n Weg zu laufen. Warum dann in dieser geschlossenen Gesellschaft eine feste Bindung eingehen? “Zu(m) Lieben” fand letzlich jeder jeden, ein Umstand, der bei genauerer Betrachtung auch das Unerträgliche, das Irrenhaus jener Zeit beinhaltete.

Stimmig in etwa die Kulisse. Zwar exsistiert die Markthalle in Wirklichkeit erst seit den 90gern, und Lehmann Touristen aufgepasst, die ganzen Markthallen Szenen wurden in Köln gedreht, aber die paar archetypischen Kneipennamen wie ‘Blase’, ‘Einfall’ oder ‘Abfall’ kommen den damals so berüchtigten Etablissemnets wie Café Anal, Fischlabor, Anfall oder Kippenberger’s Intensivstation schon ziemlich nahe. Das legendäre Schöneberger Kultleben allerdings lief im Risiko und Ex’n’Pop ab. Um diese macht der Film einen großen Bogen, kratzt jene Protagonisten mitnichten. Trotzdem will man manch Charakter von damals so schon gesehen haben, und damit meine ich jetzt nicht nur den im Film mitspielenden Michael ‘Rummenigge’ Beck, oder den großartigen ‘Blase’ Clubbesitzer Detlef, jene Lederuschi, gespielt von Carsten Speck.

Die Musik, und deswegen kamen eigentlich viele nach Berlin, lässt ausser dem “den verkaufen wir noch mal” Fad Gadget ‘Collapsing New Poeple’ und Ween’s ‘Buenas Tardes Amigos’ Song aber nicht viel Wahrheit durchschimmern. Grösstenteils sind diese sogar aus den 90gern und, irgendwie mit den Mute’lern in Kooperation entstanden. Schon komisch dass ausgerechnet der ins Bild gesetzte Song von King Bastard mit Rumme Beck am Bass zugunsten all der Mute Acts aus dem Cd Release gestrichen wurde.

Gegen Ende wird Karl allerdings etwas zu viel Raum gegeben. Klar ist der ganze Durchmachwahnsinn eine recht alltägliche Sache gewesen, die Nummer beim Arzt ist wirklich Klasse als auch der Bruch über den Besuch der Eltern, wo der gespielte Traum mit der echten Rolle des Gespielten kollidiert, auf dass der ganze, frei zusammengezimmerte Laden im Kopf nicht mehr stimmt. Trotzdem, Lehmann kommt ab da nur noch rüber wie ein Engel auf Erden an dem alles ohne Schaden zu nehmen vorbeizieht, bis er noch mit zehn mal 4 Liter Bier im Bauch aufrecht an der geöffneten Mauer steht. Meine Lieblingszene im Großausschank auch all die langen Bärten und “Alleingemachten” – köstlich!

Die (Er-)lösung kommt dann einmal nicht durch das nächste Bier oder den nächsten Joint, sondern durch den Mauerfall, die die Rest-Utopie endlich und über Nacht in Wohlgefallen auflöst. Danke Osten möchte fast sagen, das ‘Abfall’ hat endlich zu! Fehlte nur, dass Erwin, der paranoide Lokalbesitzer das sagt, was zu der Zeit viele Gewinnler machten: ich schau mal rüber, was es da jetzt so gibt.



Kommentare sind geschlossen.