Goodbye Viva 2


Goodbye Viva 2 – eine Gedenkveranstaltung in der Berliner Volksbühne

Januar 13th, 2002 | 0 Kommentare ...  

Goodbye Viva 2
Pantoffelrocker: warten bis die Glotze läuft.  © Dorfdisco.

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Das musste man sich erst einmal über die Zunge zergehen lassen: Goood – bye – Viva -2! Das klingt schon so poetisch, und gereimt, das bekommt so ein Selbststanding, das begründet sich schon in sich.

Aber zurück: man hatte es sich so schön ausgedacht: eine runde Feier zum Abschied von Viva2, dem Spartensender, der so viel anders sein wollte. War er ja auch, vor allem was das Kosten/Nutzen Prinzip anging. Am beliebtesten waren die Formate, die von gerade mal 4% (oder waren es 0,4%?) Clipfans angeschaut wurden.

Darum ging es zuerst in einer Podiumsdiskussion, an der die halbe Independent Elite von Germany saß, und zu der Herr Dieter Gorny angeblich ein paar von Headquarter Eintertainment und Kitty-Yo nach Berlin eingeladenen Gästen aus Köln (Charlotte Roche?) es verbeten (oder war es verboten?) hatte hinzugehen! Zehn namentlich Ungenannten gelang es dennoch den Zug nach Berlin zu besteigen um die Statements zum Zustand der neuen deutschen Plattenindustrie einzufangen. Im Einzelnen:

Stefan Kauertz, Viva 1 Programmchef drückte sein ganzes Bedauern aus, Viva 2 sei beliebt und toll gewesen, aber halt nicht interessant genug für die Werbebranche. Dabei seien 80% des alten Formats wie Charlotte Roche oder 2 Step in das Neue mit übernommen worden. Auf der Strecke blieben nur jene Experimentierfelder, die sich eh kaum jemand mehr anschauen wollte. Dafür gibt es jetzt ‘Korrespondenten’, die aus den Städten so tolle Sachen wie ‘Madonna geht auf Tour’ verkünden werden.

Christof Ellinghaus, City Slang, Bungalow und seit neuestem Chef von ‘Labels’, das im Virgin Vertrieb verschiedene Independent Labels unter sich vereinigt, versuchte sich als Chefrebell, polterte vorher noch in der Umkleide, kam aber auf dem Podium nicht über die Tatsache von Viva Plus als ‘sinnentleerte Blitzillu mit weiß-nicht-was-da-läuft SMS’s von 14 Jährigen hinaus.

Conny von Löhneysen (Ministry of Sound) meinte, dass es auch noch andere Möglichkeiten gäbe sich zum Sklaven von TV Musik zu machen und

Anne Berning von Mute Records fand alles ziemlich hochgekocht und dass man doch die Kirche doch im Dorf lassen sollte, wobei dann

Thorsten Seif von Buback Records (Absolute Beginners, Jan Delay, Goldenen Zitronen) schon gar kein Desaster mehr sah. Wenn er abends privat nach Hause gekommen ist und dann nochmal die Glotze anmachte, entdeckte er auch nicht gleich die neue Band, und Viele hätten sich durch Viva 2 auch nicht gerde genügend repräsentiert gefühlt. Er lese dann doch lieber die Spex.

Für Tobias Rapp (Jungleworld, TAZ) war es nur noch das übliche Getue wenn der angeblich gute Underground gegen die böse Mainstreamwelt antritt und verliert.

Old Gold: Christoph Dreher   Photo © Dorfdisco 2002

Old Gold: Christoph Dreher Photo © Dorfdisco 2002

Dann kam der grosse Auftritt des Christoph Dreher (Lost in Music, die Haut). Vorher eine halbe Stunde lang lässig zurückgelehnt und in sich versunken mit dem Goldkuli spielend wälzte er sich, nachdem er von Moderator Raik Hölzl (Kitty Yo) angesprochen wurde, so aufgewacht vor und über’s Pult ans Mikro und setzte zu einem Monolog an, bei dem er etwa 6 Minuten lang zwei (2) Sätze mit 64 Nebensätzen sprach, dergestalt, dass das Kurzzeit- SMS- Werbespotgedächtnis der Zuhörer plötzlich auf arg strapaziert wurde, ja, es brach so in sich zusammen vor lauter Ansagen wie dass 80% aller Individeos ja nur Kunststudentensch.. wär, die so eh keine Sau sehen will usw. Im Prinzip seien die Privatsender ohnehin nur so eine Art Schrumpf-Stelle zur Verkaufsförderung von den Plattenfirmen. Von den (besten) Videos der 7-teiligen Folge ”Fantastic Voyages’ zum Beispiel kam nicht eins in den Top 100 vor! Und es ist überhaupt illusorisch ist anzunehmen dass Viva2 je einen Anspruch zu erfüllen vermocht hat, den die öffentlich Rechtlichen im Grunde mit ihrem Bildungsauftrag in mit Popmusik bezogenen Programmen prinzi-bibi-ell dreimal besser erledigen usw.

Stimmt: denn als ich eines Sonntagsmorgens mal zum Frühstück vom Bayrischen Rundfunk anstelle des Kirchenchores die Sex Pistols mit ‘God Save The Queen’ serviert bekam, fegte es meiner Mutter original die Teekanne aus der Hand. Das würde bei keinem Musiksender je passieren, wo man schon vorher weiss, dass sie es alle so un_heimlich drauf haben.

Aber als niemand mehr so richtig die einzelnen Zusammenhänge verstand oder nacherzählen konnte, und man seinen Ohren nicht mehr traute über das, was so ein Urgestone was Videos drehen betrifft an dirty Podiumstalk draufhat, klang alles nur noch irgendwie plausibel und mündete folglich in zaghaft anhaltenen Applaus (10 sec.). Die Untertanen aus Köln mochten gleichwohl aufatmend eine SMS in die Heimat absetzen dass alles halb so schlimm gelaufen ist, und Karneval auch weiterhin in Berlin stattfindet, so wie die sich hier verlabern. Auf diese letzte Erkenntnis hin bestellte man sich das nächste Bier (2 Euro 50 Cent) und zog gemächlich rüber zu den bequemen Sesseln mit Sicht auf die Bühne, auf der man angeblich den besseren Teil – St. Thomas aus Norwegen schon wieder verpasst hatte …

Nachdem wir das gesprochene Wort erfahren hatten, durften wir uns mit dem gesungenen Wort betrauen, genau jenem, das mit Hilfe von Viva 2 bekannt gemacht wurde, und nun also alleine fertig werden soll, ohne Video-rotation, auch wenn wir das nicht so ganz glauben wollen. Etwas verlassen sahen sie auf der grossen Bühne aus, ohne Lightshow, vor einer grossen, weissen Leinwand als Leichtuch zum Anlass gleich, auf dem in der Pause wohl immer wieder dieselben, uns aber unbekannten Video’s liefen.

Echt... Tschüss! Pic: dorfdisco 2002

Echt... Tschüss! Pic: dorfdisco 2002

Nicht so schlimm dachten sie sich wohl, es steht ja noch Echt an, und wann hast du noch die Möglichkeit mal zwei Acts zum Preis von 12 Euro zu sehen, dazu im Sessel, ohne Zahnspangen. Da hatten sie sich aber verrechnet. Echt kamen nämlich nur zu zweit, und ein paar hysterische Stimmchen gellten auch durch den Saal. Kim, der Sänger, liess sie allerdings mit geübten Worten abblitzen: brauche ich nicht. Wenn ein Sprichwort besagt Einsicht sei der erste Weg der Besserung, dann schien er nicht gerade stehengeblieben zu sein, im Gegensatz zum Publikum, dass dazu echt kinomäßig sitzenblieb. Kim machte dann aber ein bischen lockere Post- Konversation zum vergessen, und sang mit seinem typisch nordischen Akzent ein nettes Lied zum Thema Fernsehen (mit deiner Freundin), um sich nur zwei Stücke später mit Junimond wieder zu verabschieden. Gefiel mir irgendwie. Später mal nachgefragt, wieso die Band nicht mitkam, sagte er mir, dass das zu teuer gekommen wäre.., Gage hätten sie ja eh keine bekommen. Keine Gagen? Spielten alle umsonst?

Oh nein, es gab ja noch Taylor Savvy, der nebenan im Roten Salon heiss erwartet wurde. Wir kennen ihn noch von Feedom zum Beispiel, wo er zusammen mit Peaches und Gonzales an der Slidegitarre schwitzt. Schwitzt? Savvy schwitzt nicht, Savvy jumps! Und so jumpte er dann auch auf der Bühne im Salon herum, brüllte seine Com’ On’s und machte nicht nur kräftig an, sondern brachte das Publikum erstmal zum Lachen, tanzen und mitbrüllen! Das wollen sie haben. Trash as Trash can. Zu nichts zu schade, da macht es auch nichts, dass die in Dressman Kreise gehobene CD etwas flacher ausfällt. Später zieht er dann sein grünes Hemd aus, weil er weiss, dass Live etwas anderes ist, die Leute ihren besseren Spass brauchen, und wenn der schon nicht aus deutschen Landen stammt, dann eben aus Kanada importiert, samt 80ger Jahre TV Show Jokes.

Achso Viva 2? Längst vergessen.



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