Glam, Gloss und Split Lips


August 7th, 2006 | 0 Kommentare ...  

Glam, Gloss und Split Lips
James Masson, The Split Lips, Photo © Tanja Krokos 2006

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Es ist eigentlich ganz einfach: während hierzulande nur die brave deutsche Kindergartenbands üben, und aus England und USA immer die coolere Kost rüberschwappt, spielt, und miest genauso schnell wieder verschwindet wie sie gekommen ist, sind da Australier anders.

Um dem rauhen Down-Under zu entkommen braucht es nicht nur mehr Persönlichkeit sondern auch Stil, eine Hürde die mehr Bestand hat als ein Plattenvertrag.

Bands wie The Birthday Party (Vorläufer der Bad Seeds), The True Spirit, The Fatal Shore, The Methylated Spirits oder The Devastations sie alle einigte nicht nur viel mehr Verve und Stehvermögen, sondern auch einen gewissen Stil, den es typischerweise auch nur in Australien gibt.

Dabei erinnere ich mich wie 1982 ein paar verwegen aussehende Strolche namens The Birthday Party die kleine West Berliner Musikszene alleine durch ihre Anwesenheit revolutionierten. Live waren diese Haudegen der Liebe eine Offenbarung: laut, beschwingt und vor allem gefährlich! Seitdem gab es nicht eine Band die annähernd dieselbe Ausstrahlung besaß, die diese unnahbare Attraktivität entwickelte als wie heute, 25 Jahre später die ebenfalls australische Band The Split Lips.

Die Band um den androgynen und kräftig-zarten Gitarristen und Sänger James Masson, dem kirgisisch-asiatisch anmutenden Bassisten Sean Stewart sowie der hübschen aber Respekt einfößenden L’Wren Lips am Schlagzeug ist eine Ausgeburt sexueller Triebhaftigkeit gekoppelt an unbändig stolpernden Rock’n’Roll.

James Masson, The Split Lips, Photo by Tanja Krokos © Dorfdisco 2006

James Masson, The Split Lips, Photo by Tanja Krokos © Dorfdisco 2006

Zwar erinnert Sound der Split Lips an Vergangenheit – schwingende Rock’n’Roll Rythmen kombiniert mit hänselnden Cymbals, fettem Bass, harschen Gitarre und verrückt nach Sex jaulendem Gesang. Der Beat aber mutiert zu primitiver Wildnis, Dschungelriten und blanken, sexuellem Instinkt, so wie eine vergeistigte Zelebrierung von all dem was falsch und unterdrückt ist. Keine Politik, kein Selbstmitleid, nur das bedinungslose Stochern und donnernde Dröhnen einer Band, dessen Hypnose in einer süßen Selbstachtung mündet.

Selbst ihr Erscheinungsbild unterscheidet sich beim genaueren hinschauen noch von den handelsüblichen Indirockern. Hier gibt es keine Krabbelkiste Turnschuhe oder von Selbstzweifeln verschnittener Haare. Hier regiert offen zur Schau gestellter Glam und Gloss, und die Alkohol geschwängerte Klappe ist so weit offen, dass dies als wildes Aufbegehren wahrgenommen wird inmitten gleich klingender Britpop- und Deutschrockwalzen.

Dafür sind sie kein wenig feige. Ihre Attitude ist keine aufgesetzte Nummer aus Unwissenheit. Stücke wie “Don’t Cry – Rape” kapitulieren weder vor den albernen Konditionierungen aktueller Popmusikstrategien, noch biedern sie sich den weichmacher Trends aus Exsistenzangst an. The Split Lips sind nur geprägt von der Rauheit ungeschliffener Stimmen und unaufhaltbarer Sounds. Nicht die tonale Sauberkeit ist gefragt, sondern die Brechung und Schwebung, die Ursprünglichkeit und auch das Augenblicksgefühl.

www.myspace.com/thesplitlips
The Split Lips spielen am 30.8. auf Monsterlunge 4 im White Trash



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