Get Behind Me, 2007


2007 im Rückblick

Dezember 23rd, 2007 | 0 Kommentare ...  

Get Behind Me, 2007
Dordisco Redakteur Oliver Shunt: irgendwie Scheiß Jahr gewesen..

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Schon wieder Jahresrückschauen, schlechte Erinnerungen, gute Erinnerungen, 2007 als das Jahr von Stagnation im deutschen Pop und Rock Sektor, zwanghaftes Importieren, dranheften. Dazu Firmenpleiten, Absatzrückgänge, Verjüngungskuren, Mysterykunden und allgemeine Orientierungslosigkeit.

Doch was war wirklich wichtig dieses Jahr, was hatte sich verändert? Zum Einen ist da das bezeichnende Ende von Hausmusik als Label und Vertrieb, und die drohenden Insolvenzen von bekannten Namen wie Kitty-Yo oder Lado. Plattenladensterben war genauso Thema als wie das angekündigte Ende von Tonträgern, weil diese immer weniger gekauft werden. Doch nicht nur bei Tonträgern ist dies der Fall, auch digitale Bezahlt-Downloads sind reine Ladenhüter, und, wenn es denn einen Zusammenhang geben sollte, 2007 ging selbst der Bierabsatz zurück.

Sitzen wir nur noch am Computer?

Auch dieses Jahr spielte die Musik immer mehr im Netz. Linkportale zu kostenloser Digitalmusik wie Tonspion, LastFM oder HypeMachine haben hohen Zulauf, und MySpace stellt endgültig den Erstkontakt zur Musik her. Die britische Superfanband Radiohead kann es sich sogar leisten ihr neues Album zum selbst-wähl Preis anzubieten, und landet damit den umstrittendsten Coup der Saison. Wozu dann noch in den gut sortierten Plattenladen? Hab doch eh alles auf´m iPod. Auf der Strecke aber bleibt ein persönliches Umfeld, jene Szene und Beziehungen, die einem Sicherheit geben und über die man sich gegenüber den etablierten Fanblasen und Marketing-Bla abgrenzt.

Selbst die gemeinhin als gutes Gewissen betrachteten Musikmagazine helfen nicht weiter. Hat sich jemals jemand was aufgrund ihrer Modestrecken gekauft? Daneben dominierten dort zu 90% englische (bzw. skandinavische und amerikanische) Themen, was dazu führt, dass auch darüber eine starke Formalisierung einsetzt und die Leute 2007 nur noch diese eine Richtung kennen: eingängige Tanzmelodien, am Besten mit britischem Gesang. Nur eine Band hatte dort wirklich Neues zu bieten, und hat mit ihrem Debut Anfang 2007 gleich ein ganzes Genre geprägt: The Klaxons mit Myths from the Near Future, das wichtigste Pop Album 2007, weil neuen Schwung bringend, verrückt, wild und Pop manifestierend zugleich.

Was spielen die öffentlich Rechtlichen?

Sie reden neuerdings vom “Jungen Radio” und entlassen, wie jetzt bei Radio Fritz geschehen, schlicht die besten Moderatoren (MC Lücke, André Langenfeld, Martin Petersdorf und Oliver Kehnen). “Junges Radio” aber heisst dasselbe Fröhliche-Konsens-Party-Plapper-Schule-Schema ad nauseum, inklusive R&B, das geht immer. Ergebnis: etablierte Gruppen wie die Ärzte, Unfälle wie die Beatsteaks oder demnächst Toten Hosen machen durch bis zur Rente.

Dagegen führt die Stil-Zementierung in R/B, Spasspunk, Metal, Britpop (resp. “rotziger Garagen-Pop”), Elektro, Dance usw. dazu, dass ganz interessante Künstler bald gar nicht mehr wahrgenommen werden. Ohne die Deutschpop Lobby haben sie keine Chance, und die im Geschäft Erfahrenen unter ihnen machen sich schon keine Illusionen mehr, denken daran ihr Wirken an den Nagel zu hängen. Junge Bands voller Hoffnung verheizen sich dagegen auf labbrigen Wettbewerben. Darüber bildet sich selten Selbstbewusstsein, sondern oft nur neuer, von hergebrachten Stilen abgeleiteter, oberflächiger Provinzkram. Was fehlt ist nicht nur bessere Produktion, sondern auch mehr darstellerischer Witz und Persönlichkeit mit persönlicher Hingabe.

Vielleicht wäre es interessant mal die Jahrescharts verschiedener Magazine zu vergleichen. Das aber wirkt ernüchternd, finden sich doch meist dieselben Alben in nur veränderter Reihenfolge wieder. Unsere besten CDs 2007 (aus denen die uns erreicht haben) sind über die letzten Monate abgehört und besprochen worden, und brauchen deshalb nicht wiederholt zu werden. Und mein bestes Konzert waren The Horrors live am Schwarzen Meer.

Daher nur noch ein paar ausstehende Kommentare zu “sonstigen” Ereignissen 2007:

1) Die Ärzte – Jäzz ist Anders – Sicher ins Ziel geht jedes Album dieser Band, deren Fans und Unterstützer allein eine Staatsmacht stürzen könnten. Kein Tag an dem “Junge” nicht über die Sender ging und damit zur meist verkaufsten Alternative Single (aller Zeiten?) wurde. Dabei reitet es nicht nur clever auf der Ich-Problematik vieler Ärzte Patienten, sondern greift auch noch ein Thema auf, das vor über 20 Jahren aktuell war. Nostalgie in Aspik sozusagen, da stehen wir doch auf Anzüge mit Skibrillen!

2) Tocotronic – Kapitulation – schwul, irgendwie

3) Einstürzende Neubauten – Alles wieder Offen – Noch ein fantastisches Album einer noch fantastischeren Band. Naja. Trotzdem wollten wir uns nicht in den Kanon des vielleicht letzten Albums anschließen. Es könnte ja Dasvorletztesein. Odervorvorletzte.odervorvorvorletzte. Wer weiß, weil alles offen ist und nur was nicht ist ist möglich usw.

4) Rocko Schamoni – “jetzt schreibe ich”. Selbst abgewählter Pop-Linker Dorfpunk auf dem Weg ins Feuilleton. Soll es ein Aufsichtsbratposten im Theater sein? Oder Pudel-Dame Altenteil? Nur Studentinnen wissen mehr!

5) Kilians – Seid froh die EinsLive Krone verpasst zu haben! Das ist die wahre Ehre und froh zu sein bedarf es wenig, nur wer froh ist ist ein König!

6) Killers – Shadowplay – Die Einzigartigkeit von Joy Divison lag nicht nicht nur in ihrer Stimmung düsterer Selbstbestimmtheit und dem mitlerweile landauf landab kopierten Einsatz von Bass zur Melodieführung, sondern auch minimal klaren Musikalität und einfallsreicher Produktionstechnik, die man gut und gern zum Musikunterricht heranziehen kann. Punkt. Der Killers Version kann man zwar eine gelungen vermatschte Adaption attestieren, eine nachträgliche Hu-Hu Ravetanzhymne mit Closer-Film Versatzstücken im Video aber ist nach 1979 Maßstäben glatter Rip Off und Ausverkauf dieser Legende. Schade Anton, wie konntest du nur!

7) Radiohead – In Rainbows – Wer es nicht hat muss nicht dumm sein.

8) Mando Diao – Oh Gott, wie peinlich. Beim Radio Eins Fest vor der Arena sprechen mich 14 jährige Mädchen mit schwedischer Fahne an wer ich sei, ich sähe irgendwie bedeutend aus..! Ja, für euch braucht das aber wenn überhaupt.

9) Amy Winehouse – Mädel, ist doch alles bestens!

10) Panda – Tretmine – Nichts wurde so schnell vergessen als wie diese als “geilste Platte 2007” von Rod Gonzales und Lucy van Org produzierte Berliner Panda Kacke!

Nicht wahr? Nur 2008 wird noch anstrengender, tschulli, entspannter (das Modewort 2007: ganz entspannt!). 2008 gibts mindestens 20 neue quarselige Bandnamen aus England, 20 neue, total geile Experimentalbands aus den USA und ebenso viele wir-machen-noch-mal-ein-Album aus Deutschland.

Ich bin vorbereitet und sage – lasst es knallen!



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