Gabba Gabba Hey, das Ramones Musical


A lower East Side Story, im Columbiaclub

Mai 25th, 2005 | 0 Kommentare ...  

Gabba Gabba Hey, das Ramones Musical
Neue Schauspieler: Sheena und Doug, Photo: Shuntrock © Dorfdisco 2005

Von Monika Levinski

Soso, ein Punk-Musical. Na da war ich aber mal gespannt. Das letzte Musical, das ich besuchte (ich sage aus Peinlichkeitsgründen nicht, welches), verließ ich vorzeitig, weil mir Gänsehautschauer über die gepflegte Haut liefen, weil’s so blöd war. Das Publikum wurde aufgefordert, mitzuklatschen und mitzusingen und das ist der Zeitpunkt, zu dem man jede Veranstaltung verlassen muss, es sei denn, man steht als Claquer auf der Gehaltsliste.

Nun kann man ja schon seit langem eine gewisse Rock’n’Rollisierung der Gesellschaft beobachten. Sag ich jetzt einfach mal so, ohne Soziologie studiert zu haben. Sie geht einher mit der Tatsache, dass keiner mehr älter wird und alle von 20 bis 50 Jahren hartnäckig “das Haus rocken”. Danach wird direkt gestorben, wie ¾ der Ramones, oder man faded langsam out, wie etwa Harald Juhnke.

Der Rock/Pop/Punk hat also Falten bekommen, und das ist wahrscheinlich auch gut so. Als ‘ältere Generation’ wird man, bei entsprechender Qualifikation, nicht mehr von ‘der Jugend’ angefeindet, sondern für cool befunden. Und so teilten sich bei Gabba Gabba Hey junge Schauspieler die Bühne mit in-die-Tage-gekommenen Musikern und Punk-Ikonen, und im Publikum sah es auch nicht anders aus.

Eine große, friedliche Punkrockfamilie also. Gähn. Was mal als Akt der Rebellion begann, ist Familienunterhaltung geworden, von Jörg Buttgereit, dem Splatter-Regisseur, inszeniert. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Aber – muss ja nicht.

Verstanden habe ich hingegen die Message des Musicals: girl and boy fall in love, but boy is a bad boy and is very much into booze and punk music because he has a bad childhood with a mother and a stepfather who are also very much into booze, so girl leaves him for a stupid football player and he ends up on the street where he meets more people who are very much into booze but then the girl realizes that she made a mistake with the stupid football player and the boy realizes that he made a mistake with all the booze and so she takes him back but punk music is okay.

Ist jetzt auch nicht unbedingt das Rad neu erfunden, aber die Dialoge waren in Ordnung und wurden von den Schauspielern überwiegend glaubwürdig vorgetragen. Nur ein Mal brandete Gelächter auf, wo er wohl eher nicht vorgesehen war: als Sheena Doug die Nachricht überbrachte, dass Sid Vicious gestorben sei und er aufschrie “Dann bist du ja das einzige, was mir geblieben ist!” musste man dann doch ob des Schwulstberges würgen.

Und wenn ich schon mal am rumkritteln bin – die Story hatte für mich noch einige Ungereimtheiten. Sie spielte 1979, aber Sheena und der Stupid Football Player schauen in einer Szene Fernsehen und da läuft Dallas (Wikipedianachschlager und Fans wissen natürlich, dass die Serie 1978 anlief, aber im Grunde ist die Serie geradezu Synonym für die 80er) und außerdem ist von Ronald Reagan die Rede und ich fress nen Besen wenn sich vor seiner Wahl zum Präsidenten 1981 jemand für ihn interessiert hat.

Jayne County beim Ramones Musical, Photo: Shuntrock © Dorfdisco 2005

Jayne County beim Ramones Musical, Photo: Shuntrock © Dorfdisco 2005

Egal – ich sag jetzt mal was Positives. Die Mischung zwischen Dialogen und Songs war ausgewogen und die Übergänge waren meist gelungen. Nach kurzem Dialog fräste die Gitarre hammermäßig rein und die Schauspieler fingen nahtlos an zu singen. Die Band ‘Forgotten Idols’ gaben alles und waren unauffällig hinter einer leicht durchsichtigen Leinwand in das Bühnenbild eingebettet. Ganz groß auch der Auftritt des Gitarristen als Johnny Thunders mit schwarzen Todesengelflügeln, der Doug weise Ratschläge gibt.

Die Forgotten Idols gaben nach dem eigentlichen Musical eine umjubelte Zugabe von 3 oder 4 Stücken, wobei das letzte von der großartigen Jayne County gesungen wurde. Die spielte im Musical sich selbst – eine verkokste, ordinäre Thekenschlampe – brillant.

Rolf Zacher, der für Martin Semmelrogge einsprang und dessen Mitwirkung viel beachtet und besprochen wurde, spielte gleich mehrere Rollen: besoffenen Aggro-Stiefvater, Barkeeper, Penner. Tommy Ramone, der bekanntlich die musikalische Leitung übernommen hatte, stand der Journale nach total auf ihn, ich persönlich verstehe den Wind nicht, der um den Mann gemacht wird. Ich traf gar am Abend vorher jemanden, der nur wegen ihm nicht in das Musical reingehen wollte. Da sagt man wohl: der polarisiert!

Wie auch immer – beim Tanzen wirkte er ganz schön ungelenk, ganz im Gegenteil zu der schrecklichen Judy-Darstellerin, die eindeutig zu viel mit der No Angels-Choreographin Regina Weber zugange war und ungefähr so viel Punk im Blut hatte, wie ich Klezmer. Oder sagen wir lieber Samba, das ist unverfänglicher.

Völlig anders die Sheena-Darstellerin Katja Götz. Von der werdenwa noch wat hören, orakel ich. Hübsch, cool und kein bisschen gekünstelt oder gestelzt.

Bleibt die Frage, ob die Welt dieses Musical braucht. Ich überlege noch, ob die Popularität einer Band mit Credibility zur weiteren Rock’n’Rollisierung der Gesellschaft oder einfach nur zur Erneuerung eines abgelutschten Genres beitragen sollte. Aber das haben die Ramones ja 1976 irgendwie auch getan – den Rock erneuert. Naja – ‘n bisschen zumindest…

Shunt schleppte Jayne anschließend auf Alexander Hackes Sanctuary Record Release Party

Shunt schleppte Jayne anschließend auf Alexander Hackes Sanctuary Record Release Party. Pic: privat



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