Fuck You – We Love you – die 1. Berlin Insane Pressekonferenz


Die 1.Berlin.Insane Pressekonferenz, 28.11.2003

November 28th, 2003 | 0 Kommentare ...  

Fuck You – We Love you – die 1. Berlin Insane Pressekonferenz
Pale-Music Labelbetreiber Steve Morell und Rudhart auf ihrem ganz persönlichen White Trash Photo © Dorfdisco 2003

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Wie macht man den Release einer Compilation so richtig fett? Und wie macht man aus Einer gleich drei Veranstaltungen? Diese Fragen muss sich Labelboss Steve Morell nicht lange gestellt haben, als zur Party im White Trash der Live-Event im Big Eden stattfand, und obendrauf noch eine ‘Pressekonferenz’ im White Trash abgehalten wurde, zu der mit Glamour to Kill, Electrocute, Boy from Brazil, Mignon & Debase, Nouvelle Vague, Sin City Circus Ladies, Bettina Köster sowie die Pale-Music Organizer in etwa nur die ortsansässigste Hälfte anwesend war. Der Rest wurde cool per Video präsentiert.

Als ich um 18.30 Uhr im White Trash zur Berlin.insane ‘Pressekonferenz’ kam, hatte ich schon so ein komisches Gefühl. Die Stimmung drinnen war mir zu vertraut und auf duften Leichtsinn abonniert als dass sich nicht plötzlich tiefste Gräben unterm freien Sekthimmel auftun könnten. Vielleicht hätte man mal mit der Frage anfangen müssen, ob alle Anwesenden überhaupt in der Lage sind Fragen zu beantworten. Schließlich patschte eine Gruppe allzu siegessicher wild durcheinander, während eine Andere ganz mit sich selbst beschäftigt einen fertigen Fall für die Psychiatrie vorspiegelte. Aber irgendwie der Reihe nach:

Als Pale-Music Labelboss Steve Morell in Pelzmantel, Sonnenbrille und einem Bein auf dem Tisch vor den ca. 15 örtlichen Musikjournalisten auf Englisch in das Klischee stolperte, dass die Presse noch nichts, oder wenn nur schlecht über diese Szene berichtet hätte, war dies wie der Startschuss zu einer Freakshow eitler Selbstdarstellung mit klarer Freund-Feind Trennung: hier die guten, armen Künstler, die vom bösen Sex-Medien-Skandal-Schicksal missbraucht ihr Dasein in Nullzimmer-Egos unter bunter Schminke fristen müssen, dort das Journalistenschwein, der, wenn er die Geschichte nicht geradewegs abkauft, die Schminke immer wieder abreisst und auf ihre Egos zielt, ohne ihnen die selbstangelegten Handschellen zu öffnen.

Vielleicht ist so zu verstehen, wieso gleich zu Anfangs jemand aus der Journalistenriege lautstark hervorpreschte und Morell mehr oder weniger absichtlich mit den Worten provozierte:

Journalist Rosa: “Mr. Morell, I can see your talent is barely alive!”
Morell: “My talent?”
JR: “Yeah, your talent!”
Morell: “What do you mean, my talent…?”
JR: “You’re the property of the project… your talent!”
Morell: “We’re both…”

RealAudio Clip:

Berlin.insane Pressekonferenz < this dialog

(©) Dorfdisco / Pale-Music 2003

JR: “Yeah you both your talent…”
Rudhart: “Rosa, what do you want to say?”
JR: “Aahm, these people they don’t have expressions on their faces, don’t you think you change them into a cartoon?”
Rudhart (springt auf und schreit): ” Aaaaarh … You need that? Is that true? Whooow – is that good?” –
JR: “Excuse me, is that the way you treat the press? Please answer my questions!”
Rudhart: “No you wanted an expression…”
JR: “No, I wanted an answer. Please answer my questions!”
Morell: ” Ok, how did the press treated all these artist on this compilation the whole years, tell me, gimme an answer, give me a fucking answer!”
JR: “Hey, I ask questions, you moron!”
Rudhart: “I love you. You bring some energy inside..”

Nach diesem eklatant-fulminanten Einstieg, der den Anwesenden vorneweg bedeutete, stellt bloss keine Fragen – es gibt keine Antworten, plätscherte es erstmal etwas dahin. Die Clubbetreiber des White Trash und Big Eden wurden bejubelt, weil es ohne sie auch kein Dach zur Szene gegeben hätte. Dann kam der erste Auftritt des in Egoschellen gelegten und “I AM NOT INNOCENT” T-Shirt tragenden Gitarristen Luis Miguélez von Glamour to Kill:
” … als ich bei meiner Mama in Westdeutschland im MTV Fernsehen Berichte über Mia aus Berlin sah, verkauften sie das als Berlin Underground, und draussen in der Welt in New York und überall schauen die Leute nach Berlin, Berlin. Und die Sache ist, von welchem Artist werden die Leute in der Welt inspiriert. Ich gebe die Antwort: sie sind alle auf dieser Compilation.”

Tja, lieber Luis Miguélez, da magst du im ersten Lokalteil Recht haben, beim Zweiten wäre ich aber nicht so sicher. Ich glaube nämlich, dass die Leute in der Welt sich längst nicht so viel aus Berlin machen wie insgesamt behauptet wird.

Meine vorsichtig auf Englisch vorbereiteten Fragen a) How insane is the Berlin scene? und b) What is Future Rock ‘n’ Roll? wurden fix abgehakt mit a) “What do you mean? You see these poeple all night along. Where’s the goat? Ask the goat. Next.” Und b) “We are Future Rock ‘n’ Roll! You wanna see it, come tonight to Big Eden” (Glamour to Kill), was ich auch vorhatte, ohne extra darauf hingewiesen zu werden.

Nach Steve Morell’s anschließender Erklärung zum Begriff ‘Future Rock ‘n’ Roll’, “Future Rock’n’Roll, I don’t know, is no one likes to dance or hear the whole night one music like techno”, und “You hear it in the next ten years” war mir klar dass hier nichts ganz ernsthaft abgeht. Schließlich hatte ich irgendwie erwartet, dass wenigstens ein Bezug zur eigenen Plattensammlung stattfindet, in der sich längst CD’s mit der Aufschrift ‘Future Rock’n’Roll’ aus England befinden.

Nun brauchte man nur noch beobachten, wie vereinzelte Fragen unzureichend, bzw. abgebrochen beantwortet wurden. Aus einer Frage nach der Pale-Music Philosophie (Philosophie?) wurde “These guys you can see live!” und nach der Verbindung der einzelnen Gruppen untereinander nicht etwa, wir sind jung und kennen uns aus dem White Trash, sondern: “What is special about this compilation that I see in future music is not only like you have a rock’n’roll band and you make great music, imagine the world with films…” und dann irgendwas, das wie “… punkrock is not only music, it is a way of … you don’t have to be a star” klang. Punkrock, Future Rocknroll, no stars, aha. Aber irgendwie würden sie jetzt doch gerne als solche anerkannt sein.

Der Höhepunkt der allgemeinen Belustigung bestand dann auch darin, dass, als ein etwas unglücklicher Mensch das Besäufnis mit einer Frage zu Immobilienspekulationen verfehlte. Freak-Show-Präsident Steve Morell zerrte daraufhin seinen weissen Schwanz aus der Hose und schrie:“Hier, das ist meine Immobilie!! – (alle:)-ha-ha-ha!!”

I like the Dead Boys - Razi a.k.a Boy from Brazil, Photo © Dorfdisco 2003

I like the Dead Boys - Razi a.k.a Boy from Brazil, Photo © Dorfdisco 2003

Bis dahin war eigentlich noch gar keine Band vorgestellt worden. Glamour to Kill statuierten dann “We are looking for a new sensation, we are looking for another new culture … because we mix Punkrock with electronic music. That’s Future Rock ‘n’ Roll…”, womit nur die Verbindung von Gitarre mit Elektronik gemeint war, die bislang als Electropunk bzw. zuletzt Electroclash auch nicht gerade sensationell neu ist.

Den auf eigene Parodie und psychopathisch eingestellten Electrocute’s, die unter dem Kommando eines mitgebrachten, als Gangster verkleideten Schauspielers beständig an ihren Daumen nuckelnd in nervige Heulkrämpfe ausbrachen, wurden schon gar keine Frage mehr gestellt.

Dann kam Razi’s a.k.a. Boy from Brazil’s Oberlehrer Auftritt mit einer lebenden Ziege namens Katarina: “Katarina used to be a big star in child animal pornography (sie hat’s angeblich sogar mit Pferden getrieben) now she’s back and proud after 3 years of dictatorship. I like Mick Jagger, I like Elvis, I like everyone – Applaus for Katarina”. Eine sich dem anschließende Frage, ob er nicht mal bei einer Band namens Botswana Error war beantwortete er mit “… I like the Dead Boys.”

Erst als Bettina Köster (Malaria!, 1982) das Interesse an einem inhaltlichen Diskurs mit einem Ausflug zur eigenen Geschichte und dem Weg auf diese CD in zusammenhängenden, sinnvollen Sätzen auszufüllen vermochte, und dafür auch prompt den größten Applaus erntete, beantwortete dies eine der E-cutees mit dem Umsturz des mit Wasser gefüllten Sektkübels und brüllte: “That’s boring!”. Köster, nicht nur ein paar Jahre, sondern auch um ein paar französische Kilo schwerer stand daraufhin entschlossen auf, stapfte zu den geladenen Mädels mit ihren Sektgläsern im Anschlag und nahm zunächst einmal diesem “Freak da – was hat der denn hier zu suchen?” den Hut und Brille ab – nur um Chaos perfekt ins Gesicht von Schauspieler David Bennent (Oskar Matzerath, Die Blechtrommel) zu blicken.

Leider machte White Trash Boss Wally der ‘Pressekonferenz’ da ein Ende. Wer weiss was die Journalisten sich noch alles ins Gebetbuch geschrieben hätten. Die zentrale Aussage, dass man aus gemeinsamer Freundschaft handelt, endete dadurch in einer Art unfreiwillig dramatischen Performance die zeigte, worin das wahre Potential der empfindlich geladenen Insane Posse liegt.

David Bennent, Mia (Electrocute), Nouvelle Vague, Steve Morell, Lilith Rudhart, Tom

V.l.n.r.: David Bennent, Mia (Electrocute), Nouvelle Vague, Steve Morell, Lilith Rudhart, Tom Schwoll, Bettina Köster, Mignon auf der "Pressekonferenz" - Photo Dorfdisco 2003



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