DORFDISCOTANIAL: Royal Undergrownd • Mittekill • Moritz Wolpert • Bar 25 u.v.m


August 15th, 2007 | 0 Kommentare ...  

DORFDISCOTANIAL: Royal Undergrownd • Mittekill • Moritz Wolpert • Bar 25 u.v.m
Freedarich (Mittekill) zwischen Freunden Photo © Dorfdisco 2007

Von

Na, jemals unser Dorfdiscotanial gelesen? Stimmt, es lag für ein paar Jahre lang auf Eis, aber nun ist es ja wieder Sommer und so wahnsinnig heiß, dass die Berliner alle raus in die Schatten flüchten. Und dort, im Schatten der Gewächse war das Dorfdiscotanial, die Resteverwertung des Berliner Overkills, auch immer angesiedelt.

Aber was hat sich innerhalb eines Jahres nicht alles verändert? Die Spree fließt zwar immer noch an der gleichen Stelle, drumherum wird aber brodelts kräftig, so sehr, dass viele schon gar nicht mehr wissen was überhaupt los ist!

Vielleicht werden deswegen ja immer mehr Veranstaltungen zu kompakten Events zusammengelegt. Ja, manchmal dünkt es sich mir dass die Events(namen) wichtiger werden als die Bands die bei ihnen auftreten!

Traf dies bislang hauptsächlich auf die Bandwettbewerbe zu, zieht dieser Eindruck nun auch in den knochigen Untergrund. Anders kann ich mir nicht erklären wieso es immer mehr Veranstaltungen gibt, die unter ihrem Namen (und endloser Aufführung der immer selben Medienpartner) jeweils ein Latte von Bands für sich subsumieren.

Inwieweit Letzteres auf die von uns besuchten Events zutrifft, will ich gar nicht beurteilen, aber man musste sich am 4.8. zwischen derer Vier (4) entscheiden, die alle schon Mittags ab 14 Uhr zum Antritt riefen, was in der Fülle dazu führte, dass ich am Ende keine 5% live gesehen habe.

Zunächst hatte ich kein reserviertes Ticket mit Schnitzelanreiseplan für das diesjährige Goldmund Festival, um die Knochen bei solch ausgesuchten Acts wie Rusty Santos, Fog oder They Came From the Stars I Saw Them zu strecken. Dann gehört es irgendwie auch zum Goldmund Plan niemanden Bescheid zu sagen, bzw. die 500 limitierten Ticktes, so scheint es, Partnerlos unter Freunden aufzuteilen.

Dafür konnte ich in der Stadt Pistenstaub schlucken. Es gab immer noch die Wahl zwischen dem Royal Undergrownd mit 9 Live Acts nebst Djs auf dem Yaam Gelände (protegiert von Motor FM, Zitty, Becks, 030) und dem Mittekill Festival im Eschschloraque (“Gemedienpartnert von Freunden”), das mit immerhin fünfzehn (15) Live-Acts plus 5 Djs und allerlei Unterhaltung wie Tombola und Mittekill-Dosenwerfen zur Download Release Party ihres seit Jahren ausstehenden Debut Albums Stringenz des Wahnsinns lud.

Wir verkaufen jetzt Würstchen! Photo Dorfdisco 2007

Raik Hölzel (Kitty Yo): Wir verkaufen jetzt Würstchen! Photo Dorfdisco 2007

Da ein ernst zu nehmender Dorfdisco Rezensent aber nicht vor 18 Uhr aus dem Haus kommt, war es schon eine kleine Leistung um 17 Uhr früh auf dem Yaam Gelände aufzukreuzen. Es mochten wohl die Vorboten der kalkulierten Hoffnung gewesen sein, aber so Royal war das Angebot zu der Uhrzeit noch nicht, als dass die paar Anwesenden mehr Spreesand als Action sahen.

Derweil füllte es sich mal locker im engen Hof des Eschschloraque. Mittekill hatten dort gerade das Out-door Programm mit einem sicherlich erinnerungswürdigen Auftritt beendet und eingekeilt zwischen Freunden lächelte Freedarich glücklich aus seinem verklebten Seidenhemd (so). Da wurmte es mich schon, so klangvolle Namen wie Das Grind, Einfach Leiden, Umlauf oder The Verzerrer Schnitzel verpasst zu haben. Wann bekommt man auch alles an einem Nachmittag aufs Ohr serviert?

Statt Verzerrer Schnitzel gab’s dann Grillwurst aus den Händen des Kitty Yo Teams, und ich quatschte Senf über Downloads und eben Mittekill, deren “jung gebliebener Elektro” gerade digital veröffentlicht wurde, ohne ihren Überhit Döner (in der Sonne) mit anzubieten. Der ist nämlich großartig, und unser Download Angebot darf gerne mal die herben Verluste ausgleichen, die ich beim anschließenden Loskaufen und noch peinlicherem Dosenwerfen hinnehmen musste.

Gegen 10 bot sich gleich noch ein Besuch bei Meet the Neighbours im Neurotitan, der Haus internen Vernissage der im Haus Schwarzenberg ansässigen Ateliers an. Im hinteren Teil fand Moritz Wolperts Uraufführung der komplettierten Musikmaschine Heckeshorn statt. Ausgestattet mit einem 6-Gang Getriebe aus Nähmaschinenteilen und mit Neodyn Magneten verstärkten 18 Kilo-ohm Tonabnehmern, montiert auf einem 20ger Jahre Spiegel und jeder Menge Holz, Messing, Eisen, Draht, das alles an eine Herz-Lungen Maschine der letzten Jahrhundertwende erinnert, war Exzentrik pur. Der/die/das? Heckeshorn ist perkussiv wie gezupft spielbar und klingt wie ein melodramatisch singendes Monster, dessen Seele Wolpert den Jahrmärkten der Welt abgetrotzt hat und der Öffentlichkeit nun pfleglichst zurück geben will.

Moritz Wolpert hinter seiner Musikmaschine "Heckeshorn", Photo © Dorfdisco 2007

Moritz Wolpert an seiner Musikmaschine, Photo Dorfdisco 2007

Szeneführer Steve Morell flüsterte mir dann zu, dass er nur noch in Hotels wohnen würde. Danach klang auch sein DJ Set, zu sehr Disco für gestandene Damen am Tresen. Auf der Bühne erschien daraufhin ein politisch motivierter Kunststalker, mit glitzerndem Sakko und Gemurmel über verdünnisierten Beats, ua. aus der Berliner Spex-Redaktion. Ich verschwand darauf hin mal lieber unter den Blicken von Ben Bibel-Becker, um bis zum Auftritt von Mittekill vielleicht doch noch was vom allerersten Royal Undergrownd mit zu bekommen.

Dort aber verlor sich die Zeit bei einer gar unsäglichen möchte-gern Surf-band, die erst nicht aufhörte zu spielen. Meine Uhr zeigte schon mindestens halb zwei – bis dahin hatte ich noch nicht einen Act des Tages live gesehen -, als ich auf den ex-Factory Records Guru und MFS Labelbetreiber Mark Reeder traf. Reeder erzählte dann über eine Stunde lang von mexikanischen Abenteuern in der Wüste, mit Peyote Kontakt (“das hat ‘ne Konsistenz wie Brustimplantat”), welches mit einer gebrochenen Rippe nebst abgerissenem Schuhwerk endete, gerade gut um Tags darauf auf einem angesagtem Musikseminar zu dozieren. Diese Lektion wahren Er-Lebens war im nachherein das Royalste, das diesem Abend stattfand.

Alec Empire bei Royal Undergrownd - Photo © Dorfdisco 2007

Alec Empire bei Royal Undergrownd - Photo © Dorfdisco 2007

Um halb Drei fing dann eine vom Warten leicht gestresste Bettina Köster an (3 Stunden später gings zum Flughafen) und gegen 4 a.m. trat Alec Empire vor etwa fünfzig, lang wartenden Fans auf, die sich noch immer einen heißen Tanz ums Polizeiauto versprachen. Unser Szeneführer Steve Morell schob sich auch schon wieder durch die verdutzten Zuschauer wie die Lösung des Problems, derweil Empire sich zu einem fiependen Schlingensief verwandelt hatte und gelegentliche Tanzbreaks ebenso schnell wieder abgebrochen wurden als wie sie bei den Andächtigen aufkamen.

Da war es draussen am Merchandise Stand ja noch lustiger. Als man dem zum Kochbudenfeierabend den Strom abschnitt, verwandelte sich die ganze Chose in ein noch gespenstischeres Bild florierenden Berliner Undergrounds.

Zu müde um 5 noch die Opfer von Mittekill aufzulesen übte ich mich mal lieber im lange ausschlafen, was Samstag nachmittag dazu führte, das 5-Stunden DJ Set von Ramin und Johnnie aka Narkotisch und Neurotisch in der Bar 25 zu verpassen. Vielleicht hörten sie auch früher auf, schließlich war es noch vor 10, da war Johnnie schon sehr ******* und Ramin angeblich “kurz mal nach Hause – kommt aber gleich wiieder.”

Angeblich taten sie es von 2 bis 5 noch einmal. Doch die bis dahin im Circus aufspielende live House-Band mit Posaune, so etwa drei Stunden lang, klang eher nicht wie eine Aufforderung den Laden gegen alle Schließungsgerüchte zu verteidigen.

Die beste Sicht auf die Dinge gegenüber hat man aber vom Dach des Kiki Blofeld, auf dem ich dann schlusendlich landete. Sommerlich relaxed in diesen überdimensionierten Holzsesseln, den Blick unter klarem Sternenhimmel ‘gen kühlen Norden gerichtet, verschwand das Spanisch trifft auf amerikanischen Akzent in einem distanzierten Stimmenknäuel, 25 Meter Spreeluftlinie und schon eine kleine Ewigkeit entfernt.



Kommentare sind geschlossen.