“Der urbane Berlin-Festival Typ nächtigt lieber in Hostels”


Ein Kommentar zum Berlin Festival 2009

August 9th, 2009 | 0 Kommentare ...  

“Der urbane Berlin-Festival Typ nächtigt lieber in Hostels”
Peter Doherty auf dem Berlin Festival 2009, Foto:Mike Menzel

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Es war das erste Mal dass das Berlin Festival auf den ehemaligen Flughafen Tempelhof zog, und auch das erste Mal überhaupt dass dort ein Musikveranstaltung in dieser Größenordnung stattfand. Dabei hatte man sich alles schön ausgedacht: ein tolles Ambiente das mit seinem Granit und Stahl nebst herbeigerolltem Rosinenbomber entfernt etwas an die Bagger des Melt! erinnern sollte, aber alles praktisch eingezäunt und zubetoniert, so dass man keine Probleme mit übers weite Grün besoffen campierenden Partypoeples hat (das Flugvorfeld wird wegen der Altlasten weiterhin gesperrt bleiben). „Der urbane Berlin-Festival Typ nächtigt lieber in Hostels” – so der O-Ton des Veranstalters. Yep,  wenn er denn noch ne tolle Bude in Berlin, oder, er kommt gar nicht mehr aus Berlin, sondern kommt am Besten gleich mit Easyjet. Da hätte man gleich noch eine Tempelhof Landebahn offen halten können (O-Ton des Verfassers).

Dazu das übliche Spiel: über die Politik wird eine Location günstig verhandelt (es gibt Rucksacktouristen!) und das Gros der Kosten an Sponsoren weiterverkauft. Das kennt man ja. Dass das Publikum bei Preisen um die 40 Euro und 30° im Schatten weder Getränke noch Essen mit hineinbringen dürften, auch das kennt man wie auch die gehobenen Getränke- und Essenspreise bei zwielichtiger Essens- und Getränkequalität auf dem Festivalgelände dann selbst. Nur dass man keinerlei Stempel oder Bändchen bekam um das Gelände auch mal verlassen und wiederkehren zu können, das war neu und verärgerte so manchen.

Doch über solche Kleinigkeiten wie Essen und Trinken regt sich schon kein erfahrener Festivalgänger mehr auf, selbst langes anstehen um überhaupt an etwas Trink- oder Essbares heranzukommen ist Legende, und wurde im Vorfeld schon mit dem Berliner Luftbrücken Hungerharke Denkmal vor dem Haupteingang treffend kommentiert.

Überhaupt die Location: ein Besucher lamentierte „dass man das Gefühl hatte, einmal durchgeschleust zu werden, das war’s.” Was hatte man erwartet? Das Gebäude ist dermaßen groß, dass man die Filmstudios Babelsberg hätte einziehen lassen müssen! Ansonsten ist man gut beraten dicke, weiche Sohlen zu tragen – zwei Tage lang auf Granit und Beton rumhüpfen ist alles andere als gut für die Bänder (Verfasser hat Jahre auf dem Flughafen gearbeitet). So hatten die Bands mit ihren elastischen Bühnen einen einmaligen Vorteil.

Bliebe das Programm. Mit Jarvis Cocker und Peter Doherty präsentierte man zwei international bekannte Sänger. Der eine (Cocker) mit mehr Street- und der andere (Peter) mit mehr Celebrity-Credibility. Sie werden sicher einiges gekostet haben, auch wenn Cocker zur Zeit nicht gerade auf dem Höhepunkt seiner Karriere steht und Doherty ganz brav und sauber und ohne dreckige Band oder sonstige Skandälchen seine Solo Songs auf einer Wandergitarre vor zwei Ballerinas mit Tüll vortrug. Na wenn das nichts ist…

War es nicht. Viel wichtiger waren die mittlerweile zu jedem Festival gehörenden Stimmungsmacher wie Deichkind oder die Neu-Berliner Bonaparte. Wenn sonst nichts hilft, dann wenigstens Remmidemmi. Das zieht wenigstens eine kritische Mehrheit (prompt war die Halle voll), die für Remmidemmi allein schon über 40 Euro ausgeben würden, Hauptsache, richtig, Remmidemmi. Ob das in einem ehemaligen Flugzeughangar mit seiner gestrengen Ästhetik genauso funktioniert als wie auf einem vermatschten Melt! Festival- wer weiß?

Interessanter wären da die vielen kleineren und unbekannteren Bands und Acts, die jeweils am frühen Nachmittag oder frühen Abendstunden auftreten dürfen. Hier kann man oft noch etwas entdecken und manchmal eine tolle Überraschung mitnehmen, weil sie sind das Salz in der Suppe eines jeden Festivals, und bekommen oft nur wenig. Die wenigsten Zuschauer sahen denn auch die erste Band des Festivals Humanzi aus Dublin, eine tolle Rockband mit starkem Partypotential. Sie standen vor gezählten 30 Leuten, und bekamen als „gute Freunde” sicherlich auch nicht viel mehr als ein Taschengeld nebst Blick auf blanken Beton.

Andere, speziellere Acts wie Telepathe, Oneida, 1000Robota oder Health und Crystal Antlers wurden da schon etwas besser besucht und erarbeiteten sich jeweils ein paar neue Fans. Pech nur wer auf der Mainstage im Hangar auftreten musste. Dort geriet der Hall bei wenigen Zuschauern zu einem katastrophalen Monster dergestalt, dass manche Band gut daran tat, diesen spontan als avantgardistisches Moment mit einzubauen, und so einer völligen Verwirrung vor und auf der Bühne auszuweichen. Dies wird wohl auch in Zukunft das Hauptproblem sein, sollte es nächstes Jahr wieder zu einem Berlin Festival kommen.

Ansonsten überraschte die Second-Stage auf dem Vorfeld mit seinem weißen Hintergrund und dezent integrierten Lichteffekten, dass man glatt Apple Designer am Werk denken könnte. Und irgendwie wurde man auch dieses Mal das Gefühl nicht los, dass es sich nur um eine „kleine” Ausgabe des Berlin-Festivals gehandelt haben kann. So stand die Second-Stage nicht einmal in der Mitte der Platte, die das Vorfeld ausmacht. Mit ausreichend Spielraum nach hinten können sich dort eines Tages locker das 10-fache an Zuschauern die Beine in den Bauch stehen. Und dann werden die Acts nicht mehr 1000 Robota oder Errors heißen können, sondern Killers oder Coldplay, und als Special fürs Berliner-Lebenswerk Supportact die Ärzte oder Rammstein.

Wie war das noch mit den Hostels?

Ein ausführlicher Review ist hier erschienen: Zwischen Ankunft und Abflug – das Berlin-Festival 2009.



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