Da hilft auch keine Kontroverse mehr


Zur Mutter Record Release am 5.8. Festsaal Kreuzberg

August 20th, 2010 | 1 Kommentar ...  

Da hilft auch keine Kontroverse mehr
Mutter, 5.8.210 Festsaal Kreuzberg. Foto: Eva Bruhns

Von

Harald Berger und Dude im Pingpong. Dude legt vor.

Dude: Ok, vorneweg: ich bin eigentlich nicht legitimiert relevant über MUTTER zu schreiben. ABER: ich war halt da und das haben sie nun davon.

Ich kam sowohl freiwillig als auch bestellt. Freiwillig, da mir der Auftritt an gleicher Stelle vor gut einem Jahr mächtig imponiert hat. Bis dato kannte ich nur die Mutter-Legende (eigene Referenzen dazu hier: runterrollen bis: 28 FEB 2008), hatte aber nicht wirklich eine eigene Geschichte mit ihr.

Harald: Wahrgenommen hatte ich Mutter lange am ehesten wegen ihrer respektablen Systemverweigerung, wegen musikalischer Eigenbrödlerei und äußerst respektabler Kunstanwendung (ich sag nur Boxkampf!). Die Musik als Konserve nahm mich nie wirklich mit, gehört hab ich sie eher weniger. Dezember 2007 schaute ich sie dann an, aus gegebenem Anlaß beim Abend des Verbrecherverlags, im Festsaal. Ich hatte aufgrund hauseigener Abneigung gegen, nun sagen wir mal, Szenehelden und Legenden einen eher skeptischen Anlauf. Dauerangekotzt von der ewig dargebotenen Handwerkermesse deutscher Rockmusik, die meistens auf originelle Vorführung von Spielkunst rausläuft, so guck-ich-kann-Noten-sauber-spielen (toll), guck-ich-kann-Fünfertakte (super), guck-ich-kann-echt-singen (wirklich), guck-ich-bin-lustig/interessant/einzigartig (ah), was 9 von 10 Konzerten zu einem Wettlauf gegen die dort noch zu verbringende Zeit macht, ich ging da also mit einem Maximum an Nichterwartung hin um Mutter live zu hören.

Nu, was soll ich sagen? Ich war weggeblasen, saß oben mit dem Kinn auf der Reling, das hinderte auch meinen Mund am offenbleiben. Besser krieg ich das heute nicht mehr zusammen. Auf berliner-nacht.de las sich das später so: „Mutter spielten eine dreiviertel Stunde, ein elastischer, federnder, gern kniend rauchender Max Müller im Center, vom Blatt singsprechend, unbelievable elegisch diese untrennbare Kombi von Gitarre und Keyboard, die einen Soundstream erzeugen, wo Anfang, Ende, waswo und vor allem: was ist jetzt was? Das war alles nich klar. Ein grandios müder Drummer aus Optik und wasserdichter Minimalistik, und ein junger, schnurgrader und eigentlich zu hibbeliger Bassspieler. Das zusammen, ein Haufen schleppender Strukturlosigkeit, elegantes Gehänge, untot, ganz groß, passig, so eigen, so undeutsch hatte ich sie nicht erwartet.” Naja, man kann sich denken, dieses Mal hatte ich keine Erwartungen, eher so eine Art ruhender Gewißheit, da kommt nichts schlechtes auf mich zu.

Dude: 2009 schleppte mich H. mit und ich war ihm dankbar dafür. Dankbar für die gute Zeit an die ich mich zu erinnern glaubte, obwohl ich nicht dabei war, und dankbar für die gute Zeit die ich staunend vor der Bühne stand und ernsthaft verwundert war solche Musik, Inhalte & Haltung anno 2009 präsentiert zu bekommen. Deftig. Unprätentiös. In your face. Feingeistig und spinnert zugleich. Piss die Wand an, dachte ich gleich mehrmals an diesem Abend…

Und nun, 2010, die erste Platte seit 6 Jahren, Mama ruft und die Familie kommt. Nahezu komplett. Alle Kinder, Enkel und der ganze liebe Rest der Promiverwandschaft.

Gleich am Eingang Distelmeyer mit Modellfreundin, an der Theke (wo sonst) Anne Wilson (leider ohne Staubsauger), drinnen Brezel & Francoise, am Dj-Pult der Typ mit dem Kassettenlabel, an der Bar die Jungfilmerfraktion um Kamerahoffnung Nic Middleton sowie zahlreiche wannabe`s und wannahave`s und Icke, TBFKAD – the booker formerly known as dude, um mir auf Einladung die Band anzusehen, die mich womöglich temporär aus dem vorzeitigen Ruhestand zurückholt. Bei nem gut gefüllten Festsaal und 14€ Eintritt wäre es jedenfalls nicht die schlechteste Idee für Muttern zu arbeiten…

Ich erhalte pünktlich zum ersten Takt mein erstes Bier und eine Breiladung Drecksound bricht über mich herein. Ich wechsele mehrfach den Standort, aber der Brei bleibt beständig. Heilige Mutter Akustik! Da haben sie extra ihren Studiofritzen aus Potsdam eingeflogen und ausgerechnet der, der die Platte aufgenommen hat und jeden Song kennt, verzweifelt an der Holzvertäfelung? Vielleicht hätten sie, trotz persönlicher Differenzen, doch beim Levin bleiben sollen…

Harald: Wäre der Balkon von vornherein offen gewesen, bei der Masse an Leuten eigentlich nicht verkehrt, dann hätte das im ganzen Saal vom Start weg nicht so gebreit. So mußte sich der Balkon nach und nach mit über-die-Barriere-Kletterern füllen bis er irgendwann aufgemacht wurde, und dann wurde der Klang ja auch besser.

Dude: Ich versuche mich aufs wesentliche zu besinnen in dem ich mich einfach direkt vor die Box stelle und Herrn Müllers animalischem Rippengesang lausche. Körpersprache und Vokalerzeugung sind nach wie vor eine Klasse für sich. Und auch die Inhalte haben kein Testosteron gelassen: „Ich liebe dich 8 mal am Tag“ blieb hängen. Bereits nach dem 3. Song gibt Müller das Motto des Abends aus und entgegnet dem (anfänglich noch frenetischen Publikum): „Ach, das war doch gar nicht so gut“! Koketterie als selbst erfüllende Prophezeiung?! Shit happens…

Die Berliner Zeitung hatte in ihrer Konzertankündigung 2-3 Sätze über die neuen Lieder verloren: „Scheppernd und schleppend aber immer noch dröhnend“ oder sowas.

Wie wahr!

Nach dem 4. Song erstmal raus zum rauchen. Dort treffe ich bereits die meisten vorher genannten. Und H., der meine allmählich aufkommende Skepsis so gar nicht teilen mag.

Harald: Mit Mutter fahren kommt mir immer so vor wie als ob einer extra die Luft aus den Reifen gelassen hat weil dann der Wagen so schön schlingert, ich mein, die machen das einfach lange genug, um das so durchgehen zu lassen, genau nicht zu nivellieren und einzugraden und damit den o.g. deutschen Kerntugenden zu genügen. Eben nicht, und das bringt auch den Abstand zu den meisten anderen, dieses laissez-faire und camp is not a row of tents. Schleppen und scheppern.. Da war er wieder, der Mutter-Stream, der schöne Bratz, der unangestrengte, schöngeistige Bratz, das mit- und ineinander rauf und runter, das von außen nicht sonderlich trennbare, das Equalizing der Bestandteile (jedenfalls akustisch), die Summe der Teile, alles gut, s.o.. Ich find die ja gar nicht hart oder Brett oder dröhnend oder sowas. Die Feedbacks waren bissl mehr offshore, sehr kleidsam, leider immer kurz unter der Grenze zum Ohrengrill und nie drüber, aber das ist ja auch eine Kunst: sie dort unter Kontrolle zu halten, ohne daß es in dieses manierliche huch-wie-wild, eine-Rückkopplung abrutscht (am besten in der Zugabe so ein leichtes Pfeifen irgendwo, vgl. auch den dt. Rockkanon, Rubrik „Extras“). Gesamt fand ich’s ziemlich dark diesmal, düsterer, gedrückter, wurde mir ja fast schon bissl unheimlich ab und an. Und der Basspieler wurde anscheinend mittlerweile akklimatisiert, er fiel jedenfalls nicht mehr durch sowas wie Unruhe aus dem Rahmen. Der Sound naja, bißchen mummelig auf Bass und Basedrum vielleicht, und das Keyboard wie immer viel zu leise (ey, das geht so nicht weiter). Natürlich, wenn man eine Band ein paar Mal gesehen hat, dann weicht der spooky Zauber vom ersten Mal irgendwann der Klarsicht und Analytik, aber derart schädlichen Einflüssen muß man sich ja nun nicht überlassen.

Dude: Neues Bier – neuer Anlauf. Ich komme am Fanartikeltischchen vorbei und bin begeistert von einem alten Tourposter (das mit dem brennenden Jumbo drauf). Will mir gerade eins vom Stapel nehmen, als ich das Preisschild sehe (3€!!!). Ich lege es erschrocken zurück und höre Herrn Müller erneut kokettieren, „das wäre ja ALLES gar nicht so dolle“. Ich stimme ihm innerlich zu und gehe hoch auf den noch fast leeren Balkon.

Hier der gleiche Drecksound. Schlimmer sogar, aber von dort oben entdecke ich erstmals den Scheudlitz Tom in der hinteren linken Bühnenecke an seinen elektronischen Geräten stehen (leider jedoch auch ohne Staubsauger). Na Mensch. Hallo Tom! Gehört hatte ich seine Geräte vorher leider nicht. Jetzt, mit Bild dazu, kann ich sie zumindest erahnen!

Bei der hübschen und fiesen Ballade „Die Alten hassen die Jungen“ höre ich dann sogar Tom`s Streicherorchester!!

Immerhin bleibt die Rückkopplung konstant. In fast jedem Song. Manchmal paßt es in der Tat ziemlich gut und klingt als wäre es gewollt. Aber who am I to know…

2-3 weitere Songs die Gebetsmühlenmantraartig durch die Luft leiern halte ich noch durch, mache mir allerdings bereits gehässige Notizen (die ich hier nun aber natürlich professionell unter den Tisch fallen lasse…), dann erhole ich mich vor der Tür vom Elternbesuch.

Die liebe Frau Stardust verteilt (was sonst) freundliche Einladungen, die liebe Frau Wilson erzählt (was sonst) lustige Geschichten von früher (daß sie damals, vor der Wende, für die Dunckerpunker sowas wie die Gottmutter des Heimwegs war und Rocko Schamoni, als er noch nicht so hieß, bei ihr mitfahren durfte als sein Auto kaputt war etc…etc..). Die Filmmenschen plaudern mit den Soundmenschen (dank an dieser Stelle an den Hanseatenfreund von Nic für einen vortrefflichen Satz, der es zwar nicht in die Überschrift geschafft hat, aber dafür ein gar wunderbarer Abgang ist) aber H. bleibt doch tatsächlich dabei: Mutter seien nach wie vor (selbst auf den ca. 80% Netto die sie seiner Meinung nach heute Abend fahren), ich zitiere: Die beste deutsche Band! Danach würde ja wohl erstmal lange nichts kommen! Hmpf.

Harald: Natürlich die beste Band, wer denn sonst? Die Kriterien sind ja gesagt, oben, unter der Herrschaft der Maschinen und der hilflosen Versuche der Menschen, den Maschinen ähnlich zu werden (Exaktheit! Perfektion! Leistung auf Abruf!) kann es für Bands nur darum gehen, den Gegenpol zu finden, und eben genau das nicht mitzumachen, weil es im Grunde unmenschlich ist, normal aber Quatsch. Der Mensch an sich ist faul, fehlerhaft, launisch, und Bands müssen schlechte Tage haben dürfen und nicht immer die Performance bringen, weil alles andere, die Sache mit dem funktionieren und runterspulen, ist einfach ein Krampf. Musik muß situativ, zufällig, stimmunghaft sein, um überhaupt menschlich zu sein. Alles andere ist das Modell dressierter Affe, der seine Kunststückchen vorführt. Und weil einen als Musiker eh nach einer Weile der Verdacht befällt, man wäre nichts anderes als ein dressierter Affe auf dem Jahrmarkt, tut man gut daran, hierzu wenigstens den größtmöglichen Abstand zu halten. So, nun ist es raus. Deswegen. Wobei es mir völlig Wurst ist, ob das vorsätzlich oder gedankenlos aus natürlicher Laschitis heraus passiert (was natürlich jeder behaupten würde, das hat dann sowas genialisches), Hauptsache es passiert. Find ich gilt übrigens auch für Acts, die überwiegend maschinelle Sounds abfahren lassen, also nicht Schlagzeug und Gitarren benutzen, Beatboxen, Platten und Syntheziser dafür.. je dichter am Chaos desto gut (sag ich DAT Politics, sag ich Crystal Castles, sag ich KiD Alex), alles andere ist Fahrstuhlmusik, das ewige Hamsterrad. Und weil Bildung ja das ist, was überbleibt wenn man alles vergessen hat was man jemals gelernt hat, macht sowas zu hören halt am meisten Spaß bei Leuten die etwas äh erfahrener und weltgereister sind, als bei solchen die nicht anders können weil sie eben nichts können. Wirklich cool ist das nur wenn du nix mußt, nicht wenn du nix kannst.

Dude: Als wir kurz vor der Zugabe nochmal reingehen und eine Wall of Stadionrock uns fast wieder rausschreckt, muß aber auch H. zugegebenderweise feststellen, daß das Publikum allerhöchstens noch höflich mit den Händen klappt und die gähnenden Gesichter so richtig nach Dienstagnacht aussehen. Gut, zugegeben, dafür kann die Band nix. Der Booker vielleicht. Aber: Bohemians don`t care for such. Passenderweise singt Max gerade dazu: „Zeit issn Irrtum…“. Ey, komm du mal nach hier hinten bei uns bei, so unters Volk, denke ich proletarisch verbrüdert.

Harald: You say it, you say it. Das ist der Tag unter der Woche, das ist die relativ dicke Medienwelle (Radio! Fernsehen!) zur Platte, die eben viele ich-geh-mir-heute-eine-interessante-Band-angucken-und-deshalb-muß-ich-heute-die-ganze-Zeit-interessiert-gucken Leute in den Festsaal geschaufelt hat, was sich noch verdichtet mit der eh schon verbreiteten Seuche „Berliner Halbkreis“ vor der Bühne, der höchstens mal mit der Fußspitze wippt, wenn er nicht grad mit Bierhalten und sophisticated durch dickrandige Brillen glotzen beschäftigt ist.. und dann denke ich auch, daß durch eben jene Welle und den hohen Eintrittspreis die Band sich irgendwie genötigt gefühlt hat, jetzt ein besonders langes Konzert zu spielen.. Weiß nicht warum knarzende 45 Minuten weniger wert sein sollen als 90 bis 120 Minuten mit den dann üblichen Hängern? Lieber kurz glücklich als lang so halb, aber das sind wohl die so genannten Marktgesetze.

Sonsten möchte ich noch anmerken, daß von den wirklichen Stadionrockbands gerade die beim Dude durchaus beliebte E-Street-Band genau deswegen so geil ist, weil sie, trotzdem sie aus so ca. sieben bis neun Leuten besteht, in der Lage ist so dicht am Chaos zu segeln als ob gleich alles auseinander bräche.. was es dann nicht tut, sondern es läuft irgendwann wieder alles zusammen.. und das funktioniert eben nur bei den richtig geilen Bands.

Dude: Aber, huch: da ist`s auch schon vorbei. Der Abgang wäre gestalterisch nicht schöner zu inszenieren gewesen. Kein großes Peng, irgendwie implodiert.

5 Minuten später ist der Saal wie leergefegt, der Kassettenlabeldj scheppert die gegenüberliegende Wand an und draußen läuft mir Tom in die Arme der ganz aufgeregt versucht wenigstens ein paar Leute wieder nach drinnen zu bewegen, „der Dj würde sonst gleich weinen…“?! Mein geschäftlicher Gang zum Rest der Band in den Keller hat sich aus naheliegenden Gründen ja erübrigt, aber wie ich Müller`s Max einschätze gibt er darauf höchstens nen trockenen Furz. (…außerdem haben sie doch schon ein paar dufte Gigs in duften Läden Ende des Jahres…so what…)

Harald: „Wir sind nicht in der Zeit / noch völlig außer ihr / Uns gibt‘s kein gestern / und morgen auch nicht“ – so sprach’s der Herr Wieauchimmerseinname, und so ne allgemeine Zeitlosigkeit wär auch über Mutter nochmal ein ganz anderer Ansatz. Ich versuche die Tage die neue Platte, mal hören wie das da so zugeht.

Dude: Genau! Das werde ich auch mal versuchen, vielleicht kann ich dir dann etwas besser folgen. Aber vom Konzert blieb letztlich nur ein Satz wirklich hängen: „Wir machen was wir können“. Dem kann ich auch nicht widersprechen. Shit in-Shit out eben, wie die Tontechniker so schön sagen.  Wenn vorne Scheiße reingeht, kommt hinten auch Scheiße raus. Aber das Mitleidsbüro hat leider geschlossen.


http://www.muttermusik.de

http://www.myspace.com/muttermusik



Kommentare / Comments:

  1.  
    1. son of mom  

    Das Tolle daran, wenn Mütter in die Wechseljahre kommen, ist ja, dass das mit dem Bluten dann nicht mehr so wichtig ist. Die Lust ändert sich nicht unbedingt, nur Empfänglichkeit und Hybris. Altersweisheit, unfruchtbar. Ausgewachsen, aber nicht abgeschmackt. Der Müller, wo er recht hat, hat er recht. Auch wenn er jetzt seine Mitte gefunden hat. Dass die wenig zu tun hat mit der seiner Wahlheimatstadt, war immer klar. who is more the äffchen? the äffchen or the ones who believe in the äffchen?

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