Chillwave: unser sonnigstes Programm


Juli 3rd, 2010 | 0 Kommentare ...  

Chillwave: unser sonnigstes Programm
Washed Out (a.k.a. Ernest Greene), Wegbereiter von "Chillwave"

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Die hoch-sommerlichen Temperaturenum die 37° schreien geradezu danach: Chillwave, das so viel verspricht wie kühl-entspannte Welle, stressfrei und erfrischend. Ganz neu ist der Trend dennoch nicht. Vor fast genau einem Jahr kreierte ein Blogger namens Carles, der für die Seite Hipster Runoff schreibt, diesen Begrif: Chillwave, unter dem er ein paar neue Bands mit einem ähnlichen Sound und vergleichbarer Aufnahmetechnik zusammenfasste.

Seitdem springen einem auf immer mehr Musikseiten der Begriff  Chillwave in rauhen Mengen entgegen. Und wem es dabei noch nicht geklingelt hat, und oder noch die letzten Angebote aus dem 70ern durchkaut, wird sich womöglich fragen, ob es nicht auch weiterhin dabei bleiben soll? Denn abgesehen von wieder einem “neue Welle “Titel, der in In-Kreisen auch schon wieder X-Abwandlungen wie Glo-Fi, Freak Folk 2.0, Blisscore oder Chill Bro Core erhält (meine Lieblingsschublade nennt sich Bro-Step,), ist die ganze Sache ja erst mal nicht mehr als eine schlüpfrig-relaxte Version von billig produzierten Lo-Fi Laptop Aufnahmen unter einer Mengelage Hall, gekoppelt an 80er Jahre oder 90er Jahre Ambient Sound Nostalgien, die hier und da mit tanzbaren Rythmen verschmolzen werden.

“Es hat im Grunde einen 80er Einfluss, der bei mir einen hohen Stellenwert hat”, sagt Ernest Greene, a.k.a. Washed Out, eines der Acts die als ein Teil des Trends gehandelt wird. Carles erklärte dieses Genre in einem Beitrag letzten Sommer so: “Chillwave klingt wie etwas aus im Hintergrund einer alten VHS Kassette, die sich in der Dachkammer der späten 80er/90er findet. “

Und ob man es mag oder nicht, ein Jahr nachdem Carles das Wort Chillwave in seinen Laptop tippte, ist dies auch ein schönes Beispiel dafür, wie ein solcher Begriff zu einer Welle wurde, die letztes Jahr in den USA aufgeschlagen erst heute bei uns merklicher eintrifft. Schon schreibt Spiegel Online Gruppen wie Arial Pink in die Wolken, und selbst Gruppen wie die Kings Of Leon bekommen kalt gechillte Füße und kündigen so was wie eine “Chillwave Platte” an.

Hatte man letztes Jahr also noch geglaubt, dass die ganze Sache eine Sommerlaune ist, und über Winter wieder vergessen wird, hat sich getäuscht. Denn das Gegenteil ist der Fall. MP3s und Demos fanden ihren Weg in die Blogs, und mit jedem Monat wurde klarer, dass das Phänomen höhere Wellen schlagen wird. Spätestens als neben den einschlägigen Blogs die New York Times und das Wall Street Journal, Gawker, Rolling Stone, NME Inhalte widmeten, und dann iTunes Chillwave gleich eine eigene Kategorie einrichtete, brauchte es auch nicht lange bis Last FM und Facebook nachzogen.

Wer genau aber ist eigentlich dieses Chillwave?

Im Gegensatz zu anderen Wellen, die oft an Clubs oder Städte verortet wurden, ist Chillwave nicht an eine geographische Region gebunden, aber die Süd- und Ostküste Amerikas sind prominent vertreten. Dem Genre zuerst zugeordnete Namen wie Chaz Bundick a.k.a. Toro Y Moi ist aus South Carolina während Ernest Greene a.k.a. Washed Out aus Georgia stammt. Andere sogenannte Chillwave Bands wie Small Black oder Neon Indian stammen aus New York, während Memory Tapes a.k.a. Dayve Hawk aus New Yersey stammt. Heute zählt man auch noch die New Yorker Arial Pink’s Haunted Graffiti, oder demnächst auch Delorean dazu. Sollte sich der Begriff weiter durchsetzen werden schon bekanntere, gleichlässige Gruppen wir jj oder Caribou dem Genre sicher noch nachnominiert werden.

Nicht genug, lieferte Chillwave Blogger Carles in seiner wöchentlichen Radiosendung unter dem bezeichnenden Titel An Entry-Level Guide To Chillwave: The Latest Post-Indie Genre That Every1 is Talking About gleich noch die Erklärung mit warum Chillwave plötzlich einen höheren Stellenwert als Indie Musik hat:

“Hast du es satt festzustellen dass Indiebands in iPod und iPhone Werbungen zu hören sind? Indie implodiert weil es Mainstream geworden ist! Bands wie Arcade Fire wurden für den Super Bowl oder für den (Where the Wild Things Are) Kinderfilm missbraucht und Vampire Weekend debutiert mit dem Nummer 1 Album in Amerika. Bands wie Kings of Leon, Death Cab for Cutie, The Strokes oder Vampire Weekend wurden die größten Bands der Welt. Eine neue Welle wahrhaft unabhängiger Künstler ist hervorgetreten, dies sind die Chillwavers!”,

Carles in seiner Sendung. Und:

“Nachdem Animal Collective’s Erfolgsalbum Merriweather Post Pavillon war es nicht mehr möglich Indiemusik als die anerkannte Reinterpretation der Rock’n’Roll Ästhetik zu akzeptieren. Stattdessen wollen anspruchsvolle Musikfans konzeptionell progressive Bands. Das sei der Gedanke von Chillwave.”

Und, ganz so unrecht hat Carles in der Beziehung nicht mit der Behauptung Indiebands sind der neue Mainstream der sich jetzt schon in den oberflächigsten Medien wiederfindet. Ewig jugendlich wirkende Indietwens mit sind längst schon die Zielgruppe der großen Konzerne, von Beautycreme bis Arbeitsamt.  Die Protagonisten der Chillwaver jedoch sind die neuen Nerds, vornehmlich Einzeltäter, die in ihren Schlafzimmern Fetzen alter Songs samplen und diese verschiedenen Blogs frei zur Verfügung stellen.

Mancher hatte dazu noch nicht einmal einen Plan Live aufzutreten. “Es ging alles so schnell”, so Greene, “ans Live spielen hatte ich nie gedacht”. Dann wurde er auf SXSW Festival eingeladen und empfand es als eine nette Abwechslung von zuhause.  Auch Dayve Hawk von Memory Tapes hatte auch keine Tourpläne, entschloss sich letztlich aber noch dazu, “nachdem die Leute ihn zu lange genervt hätten”: “People can’t ask me why I don’t play live anymore!”

Auch wenn man sichweiter darüber streiten wird inwieweit Chillwave ein echtes Genre ist, ziehen deren Darsteller mitlerweile Vorteile aus ihrer Aufmerksamkeit.  Small Black wurde vom Indie Label Jagjaguwar unter Vertrag genommen (eine re-mastered Version der selbst betitelten, ersten EP  erschien im April), und Neon Indian wurde als erste “Chillwave Band” ins amerikanische Late-Night Fernsehen gehievt. Toro Y Moi plant nach dem übrigens hervorragenden Debut Causers of This schon ein zweites Album (VÖ irgendwann im August). Washed Out‘s  erste vergriffene EP Life of Leisure wird auf discogs nur Monate später $150 angeboten, und reichte um seit erscheinen den Hype um die Band aufrecht zu erhalten, und Neon Indian veröffentlichten im Oktober 2009 ihre LP Psychic Chasms, auf der sich der Track Deadbeat Summer als einer der definierenden Chillwave Tracks fand, welches neben der Memory Tapes LP Seek Magik als “die beste neue Musik” auf Pitchfork gewertet wurde.

Apropos Memory Tapes: um die Crossreferenzen perfekt zu machen remixt Dayve Hawkes mal eben ein Stück von der neuen Crystal Castles II, und wird so gleich in die knalligere Gesellschaft exaltierterer Elektrosounds gerückt.  Hawkes soll aber auch schon für Yeah Yeah Yeahs, Peter Bjorn & John, Taken By Trees, und man staune, Britney Spears und Michael Jackson geremixt haben.

Aber vielleicht ist das auch alles nur Garnitur in einer sich immer schneller drehenden Musikumfelds. Wenn etwas “durch” ist braucht es etwas neues, das noch nicht vermarktet wurde, damit die Blogs und Hipster-Magazine auch immer schön Trends setzen können, und den Lesern was mitzuteilen haben.

LINKS:

Chillwave auf Wikipedia, Last FM, Facebook (neu),

Carles’ Hipster Runoff

Der Wall Street Journal Chillwave Erstling :

Band: Washed Out (a.k.a. Ernest Greene)

Based: Macon, GA; grew up in Perry, GA

Discography: Life of Leisure EP (2009), High Times cassette EP (2009), Washed Out/Small Black remix split single (2009)

Listen to: “You’ll See It”

Band:  Small Black (Josh Kolenik, Ryan Heyner, Jeff Curtin, and Juan Pieczanski)

Based: Brooklyn, NY; grew up in Long Island, NY

Discography: Small Black EP (2009), Washed Out/Small Black remix split single (2009)

Listen to: “Despicable Dogs”

Band: Toro Y Moi (a.k.a. Chaz Bundick)

Based: Columbia, SC

Discography: Causers of This LP (2010), My Touch EP (2009)

Listen to: “Blessa”

Band: Neon Indian (a.k.a., Alan Palomo)

Based: Grew up in TX; now resides in NYC.

Discography: Psychic Chasms LP (2009)

Listen to: “Deadbeat Summer”

Band: Memory Tapes/Memory Cassette/Weird Tapes (a.k.a., Dayve Hawk)

Based: Southern NJ

Discography: Seek Magic LP 2009 (as Memory Tapes), Call and Response EP (as Memory Cassette) 2009

Listen to: “Bicycle”

Band: Delorean

Band: Caribou



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