Carl Weissner liest Bukowski


Festsaal Kreuzberg, 2.3.2006

März 26th, 2006 | 0 Kommentare ...  

Carl Weissner liest Bukowski

Von Ramin Raissi

Gegen 21 Uhr schlug ich im gut gefüllten Festsaal auf. Den 35 minütigen Film hatte ich leider verpasst, musste dafür aber keinen Eintritt mehr zahlen. Ich angelte mir einen Platz an der Theke und begann mich mit Jägermeister zu betrinken. Ich redete mir ein, dass Hank, wie Freunde ihn nannten, es so gewollt hätte.

Die üblichen Kreuzberger Verdächtigen und viele Andere lauschten gebannt der sonoren Stimme eines älteren Herren, der trotz seines Pferdeschwanzes nicht wie ein in Buks Büchern beschriebener Zuhälter aussah. Die Stimme zog mich sofort in den Bann. Eine dunkle weise Stimme, die an saufende Cowboys erinnerte. Als Bukowkis Freund und Übersetzer war es an ihm aus dem neuen Bukowski Buch ” Schreie vom Balkon” vorzutragen.

Dieser enthält Briefe die Bukowski von 1958 bis zu seinem Tod 1994 an verschiedene Freunde, Verleger aber auch Feinde schrieb. Sie sind genauso wie seine Romane, Gedichte oder short stories – lakonische, aber immer genaue Bemerkungen zu der Tretmühle, die manche Leben nennen. Viele halten Charles Bukowski a.k.a. Henry Chinaski nur für einen Sex und Alkoholliteraten. Aber das greift viel zu kurz, wie auch seine Briefe beweisen. Er war ein unbestechlicher Beobachter und pointierter Schreiber, der immer wieder Bezug auf politische und soziale Ereignisse nahm. Ein paar Sätze, zum Beispiel zu den Riots in Watts 1965, zeugen davon, dass er nicht nur die System immanenten Mechanismen begriffen hat, sondern er schaffte es komplexe Vorgänge in einer einfachen Sprache auf den Punkt zu bringen. Trotz seiner Ablehnung jeder Form von Mainstream oder Mode und dem Leben wie es organisiert worden ist, verfällt er nicht nur in Zynismus und Negation. Immer wieder sind Momente des lebenswerten auszumachen, wie z.B. die zärtlichen Worte, die er für seine Tochter findet. Bei einem Mann, der sich immer wieder an der schmalen Linie zum Selbstmord oder Tod durch seinen Lebenswandel befunden hat, wirkt das um so liebevoller.

Weissner trug diese Briefe in einer magnetisierenden Art vor. Aber natürlich bekam das Publikum auch das, was man so von Bukowski erwartet. Nach meiner Beobachtung waren es vor allem Frauen die sich kaputt lachten über Titulierungen wie “Nichtficker” und dem knochentrocken geschriebenem und vorgetragenem alltäglichen Wahnsinn, zwischen Flasche; Arbeit und one night stands.

Seine Frühen Jahre waren eine Achterbahnfahrt zwischen nackter Existenzangst, den künstlerischen Zweifeln an sich und dem was er tat. Dann wieder vor Freude himmelhochjauchzend, wenn ein Buch gedruckt wurde oder ein Scheck auf die Pferderennbahn getragen werden konnte. Ganz großes Kino. Stoff aus Griechischen Mythologien in Zeiten des Post Fordismus. Immer in Opposition gegen das was Common sense war und ist und konsequenter Weise dann auch gegen sich selbst. Gebannt von Weissners Vortragsweise lauschte ich den Worten und betrank mich noch etwas mehr.

Am Ende trat Weisner unter tosendem Applaus wie ein Matador aus der Arena um sich nach ein paar shake hands und BRAVO Rufe aus dem Publikum wieder auf die Bühne zurück bitten zu lassen.

Nach einer Zugabe, war ich selbst so euphorisiert (und betrunken), dass ich trotz meiner desolaten Finanzlage das Buch kaufte. Die Schriftwechsel geben mehr Einblicke als jede (Auto-) Biographie, dem kann ich als das Buch Lesender direkt zustimmen.

Ich habe zuhause gleich weiter gelesen und getrunken, so dass ich später mit dem Kopf auf der Tischplatte gütig geweckt wurde. You can’t conquer Love. Ich meine zu wissen, dass Hank das ähnlich sah. R.I.P.



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