Berlin Super 80


Musik & Film Underground West Berlin 1978-1984 DVD
(Monitorpop Entertainment)

März 15th, 2005 | 0 Kommentare ...  

Berlin Super 80

Von AC Horn

Diese DVD ist dazu geneigt Anhängern von experimentellen Filmen zu gefallen, die Musikclips der Prä-MTV Ära, reine Kunstfilme oder über sich selbst hinausgewachsene Amateurfilmproduktionen zu schätzen wissen. Es werden (zur damaligen Zeit) zumeist nicht-professionalisierte Filmemacher repräsentiert, die sich kommerziellen Darstellungsmaßstäben weitgehend entziehen, wobei die Diskussion um diese Art Film in der Zwischenzeit stark akademisiert und Gegenstand zahlreicher Uni-Seminare wurde.

Die dargebotenen Clips sind nicht besonders sexy oder unterhaltsam per se, sondern ganz im Berliner Stil der frühachziger Jahre, was bedeutet grauer Beton, absurder Aktionismus und viele schräge Leute. Irgendwo zwischen No Wave und Punk angesiedelt, entsteht durch skurrile, montagehafte und destruktive Bildwelten ein Abbild des Nonkonformismus und eine Ästhetisierung des Hässlichen. Meine Filmlieblinge waren immer die etwas später entstandenen Filme des New Yorker Cinema of Transgression eines Richard Kern oder Nick Zedd, wo die Leute eine abgefuckte, grenzüberschreitende Erotik an den Tag legten. Lydia Lunch, immer gut anzusehen, sorgte bei einigen Kern-Filmen für entsprechenden poetischen Tiefgang und rechtfertigte so manches Werk im Sinne eines gegenkulturellen Feminismus, welches sonst wegen seiner kruden Schockeffekte als Gewaltpornographie interpretiert wurde.

Berlin Super 80 beginnt nonchronologisch mit „E Dopo” (1981/82/Anette Maschmann), welcher uns Man Ray inspirierte Detailaufnahmen des männlichen Körpers präsentiert, die unpornographisch auf Rhythmus geschnitten sind.

Weiter geht’s mit dem Taxifilm „3302″ (1979/Christoph Doering), der die Idee einer nächtlichen Taxifahrt durch Berlin aufgreift, welche beim ersten Sehen etwas zäh und unfokussiert dahinplätschert, aber in jeden Fall eine deperate Stimmung aufbauen kann (Stadt- und Fahrzeuglichter, mitfahrende Taxigäste aus dem Milieu, etc.), die durch jazzpunkige Musik von MDK oder Flucht nach Vorn unterstützt wird, wobei allerdings der Schnitt etwas zu zufällig geraten ist.

Der nächste Film, „Hüpfen ´82″ (1982/Rolf S. Wolkenstein/Horst Markgraf), zeigt uns ein paar Kunststudenten, die Spass haben während sie in ihrem Atelier herumspringen. Wahrscheinlich wollten die Filmemacher etwas angewandten Anarchismus proben, den sie anderen Kunststudenten selbtreferentiell vorführen konnten, um sich gegenseitig die Hand zu schütteln, wie verdammt Boheme man doch ist.

Demgegenüber ist ihr „Craex Apart” von 1983 mehr im Neubauten Stil gehalten, der ein paar Typen zeigt, die wild auf Backsteinen herumklopfen, was aber bald zu prätentiös wird, wenn der Kunststudent wieder durchkommt.

„Sax” (1982/Yana Yo) handelt von 3 Saxofonspielern, die in einem verwahrlosten Abbruchgebäude herumlaufen, aber das wars dann auch schon wieder.

„Ohne Liebe gibt es keinen Tod” (1980/Ingrid Maye/Volker Rendschmidt) ist eine gänzlich ästhetische Erfahrung und „Formula Super VIII” (1983/Stiletto Studios) ist eine Sport-Persiflage über Fahrräder und Motorräder, die durch einen Raum bzw. einen Hof zirkulieren und damit so eine Art Testrennstrecke aufmachen. Zu Anfang und Ende gibt es das namensgebende Klappmesser der Stiletto Studios zu sehen. Das ist alles etwas bizarr-hinterhöflerisch gemeint, und ich habe Sportmoderatoren eigentlich schon immer gehasst (wie sie auf der Tonspur vertreten sind).

Der avangardistische Musikclip „Geld” (1982) von Bettina Köster und Gudrun Guts´ Malaria! kommt als nächstes, und diese Band hat es immerhin geschafft eine Live Show im vielbeschworenen New Yorker Studio 54 mit Nina Hagen zu spielen.

Die folgende Videocollage „Fragment Video” (1983/Notorische Reflexe) hat viele Strassenkampfszenen in ihrem Bildrepertoire, welche anarchistisch und subversiv anzusehen sind, aber ich habe noch nie verstanden, warum es die Revolution sein soll einem Polizisten einen Stein an den Schädel zu schmeissen. Cops sind für mich arme Schweine mit niedrigem Schulabschluß, die einen miesen Job übernommen haben, weil sie anderweitig nicht einsetzbar waren. Es ist also besser sich nicht dem Blödsinn auszusetzten, weil man wegen so einer nichtigen Angelegenheit nicht seine Coolness einbüssen will, was fraglos schnell passieren kann.

„Berliner Küchenmusik” (1982) enstand im Umfeld der schmerzvollen experimentellen Musikgruppe Die Tödliche Doris mit derem immer noch aktivem Wolfgang Müller. Das Ganze wurde in einem Charlottenburger Appartement aufgenommen, welches mit Butzenscheiben ausgetattet war, und beschreibt Putzvorgänge einer langhaarigen Lady, die von ein paar Vollmaskierten Besuch bekommt, die später zusammen am Tisch herumhocken, wobei nichts weiter passiert. Die schuldbeladene, klaustrophobische Enge des Films ist dazu angetan jedwege Partystimmung sofort zu beenden.

Dann gibt es eine Kurzfassung (volle Länge 120 Minuten) der Jelinski/Buttgereit Kooperation über die frühen Tage des SO 36 Klubs in Kreuzberg, welcher in seiner Bedeutung mit dem CBGBs vergleichbar ist. So um 1984 gedreht, sieht man Bilder von verrückten, aber längst vergessenen Kunstbands wie Die Gelbs, aber auch von den jetzt berühmten Einstürzenden Neubauten.

Ebenfalls von Buttgereit ist „Mein Papi” (1981-95), der die Geschichte seines eigenen proletarischen Backgrounds in Berlin erzählt. Sein Vater war Brauereifahrer für Engelhardt Bier, hatte später Problem mit Hirntumoren, mußte zweimal operiert werden und verstarb 1993 im Rollstuhl vor dem Fernseher. Über längere Zeit mit einer (nicht immer ganz) versteckten Kamera gefilmt, wurde das ganze zu einer bedrückenden, durch eine humoristisch-bizarre Note etwas aufgelockerten Milieustudie. Der Schnitt ist holprig und der O-Ton über weite Strecken zu langsam geraten, was eine grenzhafte Qualität zwischen Amateur- und Experimentalfilm verwischt, weswegen wohl auch soviele Leute immer auf die Berliner Flohmärkte gerannt sind, um ähnliche Zufallsprodukte ingeniöser Amateure aufzutreiben. Selten hat es besser funktioniert wie bei „Mein Papi”.

Sehr empfohlen ist der nächste Film „Die Glatze” (1982/Klaus Beyer), der von einem aus der unteren Arbeiterschicht stammenden Kerzendreher produziert wurde, der noch über 40jährig bei seiner Mutter wohnte, und oft mit älteren Damen zusammen Kuchen ass. Klaus Beyer wurde mitte der 90iger von Frank Behnke von der Berliner Band Mutter entdeckt, der 1994 die erhellende Dokumentation „Das andere Universum des Klaus Beyer” drehte. Ich hatte Klaus Beyer 1995 zum Medienkunstfestival nach Tübingen eingeladen, dessen Liveact irgendwo zwischen Zirkusattraktion und der Zurschaustellung einer wirklich verrückten Person verortbar war, so daß man sich tatsächlich darüber Gedanken machte, ob das jetzt wegen eines kurzlebigen Szene-Hypes gemacht werden mußte. Mit dem zeitlichen Abstand kann ich sagen, daß es die Sache auf jeden Fall wert war und Klaus Beyer ein durchaus charmanter, begabter, wenn auch naiver Mensch ist, der in einem schwierigen Milieu geboren wurde, was ihn mit L´art brut vergleichbar werden lässt, aber nur umsomehr beweist daß jeder es schaffen kann.

Ähnlich verhält es sich mit Frieder Butzman und „Spanische Fliege”(1979), dessen namensgebendes Potenzmittel eher dazu angetan ist, jedwege erotische Stimmung im Keim zu ersticken.

Ein sogenannter Bonusfilm, was immer das auch bedeuten mag, heisst „Wedding Night” (1981/Ika Schier) ist in der Special Features Sektion untergebracht, und zeigt eine nackte Frau mit einer mehrschwänzigen Peitsche, die mit einem Typen in der Badewanne herummacht. Ein Anti-Hochzeitsfilm der Sonderklasse.

Die DVD kommt mit Soundtrack CD in einem opulenten aufklappbaren Schuber und einem ausführlichen Booklet daher, wobei dieser Release sicher nicht jedem gefallen wird. Wer nach flashigem Entertainment sucht, wird sicherlich enttäuscht werden, weil alles so krude, artifiziell und ja, asexuell herüberkommt.

Eine extensive Fotogallerie wartet darauf gesichtet zu werden, die anderen Filmemachern als Materialsammlung völlig ausreichen würde, um ein eigenständiges Filmwerk zu schaffen. Jürgel Teipel hatte z.B. mit „verschwende deine jugend.doc” auf der diesjährigen Berlinale eine Dokumentation der frühen deutschen Punkbewegung in unbewegten Bildern am Start (ebenfalls mit Malaria!, Einstürzende Neubauten, etc.).

Dagegen kommt Berlin Super-80 vollständig ohne nachträgliche Verbal-Analysen aus, die zu jener Zeit sowieso niemand gewagt hätte, und sogar eher die Authentizität verzerren würden, weil die Protagonisten inzwischen einen anderen Lebensmittelpunkt haben. Streng limitiert auf 5000 Exemplare holt man sich also entweder diese aufwendige Kompilation, oder man besorgt sich stattdessen einen Korg MS-20 und eine besonders schlechte Gitarre mit vielen Knöpfen und schneidet sich die Haare in Fetzen, was zur heutigen Zeit aber auch kein Aufsehen mehr erregen wird.



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