Ausgerockt!


Dorfdisco über Berlin 2011 und das Fehlen einer Musikszene

Dezember 29th, 2011 | 3 Kommentare ...  

Ausgerockt!
Driver & Driver. Photo: Dorfdisco.de

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Wenn die Musikszene schon wie so oft für tot erklärt wird, sorgt dann meist von andere Seite her kommend eine Innovation für das Neue. Trotzdem, ich behaupte dass die Langeweile noch nie so groß als wie dieses Jahr – und es scheint wenig Besserung in Sicht.

Wenn in England so irremachende Acts wie James Blake, Bruno Mars oder Adele vorderste Plätze belegen, und ein mittelprächtiges Album Skying von The Horrors auf der NME Leser Liste auf Platz eins gewählt wird, ist es schon nicht sehr weit her mit Innovation. Da passt es wenn drittklassige Bands das derzeitige Output entsetzlich finden, und sich selbst als die Lösung anbieten.

Schon wartet scheinbar alles auf die neue, mal sehen wie starke The XX, und nur der NMEOnline schreitet in seiner Entwicklung mit zusätzlichen Meldungen  nd Social Media-Buttons künstlich voran – hierzulande sieht es in Relation wie immer weit düsterer aus.

Mal abgesehen davon dass sich deutsche Bands was Meldungen betrifft extremst verschlossen und angstbetont Maulfaul geben, feiern scheinbar nur noch alte Zossen wie Lindenberg mit Cello ihr Lebenswerk. Rammstein zelebriert schonmal seinen Abgang vom immer selben und Deutschland’s übelste Mix-Kapelle bestehend aus Nena, Rea Garvey, Xavier Naidoo & The BossHoss für The Voice of Germany (wieso eigentlich nicht “Deutschlands Stimmle”?) covert  Heroes/Helden von David Bowie zum mitklatschen!

Aber auch so dunkle Typen wie die von der Intro aufgeblähte und schwer auf den Geist gehende Casper hat nichts was wirklich überzeugt, lebendige Kotzbrocken wie Unheilig sind immer noch Geboren um zu Leben (lustig parallell dazu Rosenstolz grammatischer Kohlenpott Wir sind am Leben) und Sido fleddert Rio Reiser‘s Titel Geboren um frei zu sein, wie immer für die Tantiemen und alles voll Leben, Geboren, aufgeblasen und theatralischer Melodramatik.

Aber vielleicht haben sie auch nur alle zusammen die Grammy Verleihung geschaut, und, nachdem Lady Gaga aus dem Ei schlüpfte gesagt, sowas muss ich auch machen!

Schauen wir auf die Berliner Szene sieht es freilich nicht viel besser aus. Die Spiegel Online Lieblinge Mutter, Ja Panik und Die Türen meldeten sich jeweils zurück. Was davon zu halten war, steht jetzt unten.

Was dagegen fehlte waren Newcomer. Abgesehen von Laing gab es keine großen Überraschungen. Vielleicht Bodi Bill und Apparat. Ihr Elektropop resp. Radiohead aber ist nicht neu oder anders genug um als überraschend neu durchzugehen.

Schmerzlich vermisst wird dagegen ein selbstbewusster Untergrund, der nicht schon etabliert oder hip und aber vor allem unoriginell ist. Dabei spielt es keine Rolle ob man perfekt spielt, Hauptsache Typ Gesang und Typ Gitarre passt!

Vielleicht fehlt es für eine vitalere Musikszene auch an entsprechender Locations.  Liveclubs wie das Magnet oder Lido, die noch mit Rockbars und Rockwettbewerben aufwarten, treten in der Wahrnehmung aufgrund vieler international zugebuchter Acts und allgemein professionellem Auftretens in den Hintergrund. Auch im Dauerbrenner White Trash werden gefühlt zunehmend internationale Gäste gesichtet, zumindest dieselben Tatoos. Der Bang Bang Klub musste dagegen aufgrund explodierender Mieten schließen.

Dagegen findet man in kleinsten Kellern wie dem Madame Claude, Marie-Antoinette, Bei Roy, CCCP,  Schokoladen oder King Kong Klub noch eher das was man neben dem Etablierten sucht. Und auch am Kotti, dem West Germany, Festsaal Kreuzberg oder dem Monarch findet man noch lokale Acts, die nicht als Vorgruppe zu XY dastehen müssen. Nur zeichnet sich keiner dieser Läden irgendwie als Urstätt der, oder einer neuen Musikszene aus.

Ein Wort noch zum Gespenst von Clubschließungen: Meldungen wie diese sind dafür nicht besonders geeignet und werden mitlerweile Kettenbriefartig verbreitet. Fakt ist dass es neben Schließungen (wen interessiert die Kulturbrauerei?) auch Neueröffnungen oder Trends gibt. Neueröffnet wurde zB. das Prince Charles oder das Gretchen. Trend ist der Südblock am Kotti oder Bei Roy in Neukölln. Und neu zugezogene Bürger Berlins sind nicht oft nicht das Problem, sondern die Planer und Anbieter von teuren Immobilien in unmittelbarer Nähe von Clubs oder Nachtleben (siehe Columbiahalle). Dagegen jammert Kreuzberg aufgrund seines Nachtlebens auf hohem Niveau. So oder so aber ist Berlin im Vergleich zu anderen Metropolen immer noch ganz gut dran.

Doch kann dies nicht darüber hinwegtäuschen dass es in der Musikhauptstadt Deutschlands für Newcomer nicht so leicht ist. Entweder sie befinden sich für zu lange außerhalb der Wahrnehmung, oder müssen sich den Weg über irgendeine Hintertür als Vorgruppe oder Kontakthorst erkämpfen. Um das noch mitzubewerten aber sind die paar wenigen Journalisten oder Radiomoderatoren viel zu überlastet und auch (*gähn*) müde.

Übrigens: Teilnehmer von Rockwettbewerben gehen gar nicht, werden gleich entsorgt!

Und so steht’s geschrieben:

Aufsteiger:

Driver & DriverWe Are the World. Immer-noch-irgendwie-gut-und-dabei Tonbastler Patric Catani und Immer-irgendwie-gut-draufhau Schlagzeuger Chris Imler als sich selbst gefundenes Duo des Jahres 2011. Driver & Driver Hits zum Kampf im Kulturkaufhaus. Unausweichlich, deutsch, übersehen, Klassiker.

Laing030 / 577 07 886  Die Überraschung des Jahres. Beste Produktion, beste Performance, erträglich, verträglich und immer Spass gemacht. Zu Höherem bestimmt. 2012 könnte sie schon ins deutsche Fernsehen katapultieren. Auch wenns vor dem Response graut. Bitte bleibt wie und was ihr seid!

ChuckamuckWild for Adventure  Die Überflieger von 2010 hatten 2011 ihr Debut auf dem Staatsakt Vorzeige Label. Müssen dafür zusehen einen ebenso lockeren, aber ungleich überzeugerenden Nachfolger abzuliefern.

Bodi BillWhat?  Netter Elektropop. Kills Apparat. Neben dem grandios startenden Album musste die bald startende Tour, aufgrund der großen Nachfrage, bereits ausgebaut werden. (for the record).

Jasmina MaschinaAlphabet Dream Noise Unterpromoted, untererkannt, stellvertretend für so vieles in Berlin.

Staatsakt. Keine Band, aber das Label mit den wohl einflussreichsten bzw. meist diskutiertesten Bands 2011: Ja Panik, Christiane Rösinger, Driver & Driver, Chuckamuck, Die Türen.

 

Aussteiger:

Mutter – Des Spiegels liebste Mühlsteinmusik zum abtauchen unter die Oberfläche. Oder auch apokalyptisches Spießertum im nutzlosen Angstmacheruniversum. Alt.

Ja, Panik“DMD KIU LIDT“ – nur für intellektuelle Junkies. Muss man nicht verstehen.

Die TürenRentner und Studenten (Mehr Freizeit) Äh, ja. “Nichts” war auch mal geiler und -großes Mißverständnis – Freizeit rockt nicht. Zuviel Sozialparole und Zwecklifestyle noch weniger. Sollte die kommende Platte das ganze Alphabet (A bis Z) und nicht abkürzt Das ABC heissen, passt es nicht mal in unsere Datenbank.

Berlin Festival – nicht weil uns dieses Jahr die Akkreditierung verweigert wurde, sondern weil das Line-Up tendenziell zu billig ist. Ein paar interessante Acts am Nachmittag, falls man sie noch mitbekommt, dazu reihenweise Has-beens als Top-Acts, die noch mal ran dürfen.

 

Was 2011 in Berlin sonst noch ging, und irgendwie gut ist aber aus Personalmangel nicht oder zu wenig berücksichtigt wurde:

Mokkers, Jolly Goods, Admiral Black, Fenster, Camera, Jimmy Trash, Slime the Boogie, Emika.

Und, in eigener Sache, inwieweit es selbst mit Dorfdisco.de weitergehen wird steht angesichts der inhaltlichen wie finanziellen Flaute auch – wie immer – in den Sternen.

Guten Rutsch!

 



Kommentare / Comments:

  1.  
    1. WahWah-trick Pah-gner  

    tja, die vielversprechende 00′er musikszene in berlin ist schon seit einigen jahren tot, und wenn denn "neue" bands features in den print- und onlinemedien erhalten, geschieht dies meist nur aus notalgiegründen: e.g. mittdreissiger schreiberlinge die einst "teil einer (gymnasium, haha) jungendkultur" waren, kommentieren nun Ja-(*gähn*)Panik weil es sie an die späten 90er, eben ihre "jugendkultur" erinnert (btw: was haben Ja Panik denn ueberhaupt mit Berlin zu tun?, außer dass sie dort hin gezogen sind als alles eh schon zu spät und vermainstreamed war, die posh Eltern finanzieren das wohl brav…) oder eben Jolly Goods (well…was ist daran neu?). Das wirklich neue (und, JA, das gibt es) traut sich nunmal niemand zu featuren oder zu kommentieren, denn darüber findet man ja nichs im internet (lazy journalist kann dann ja artikel via copy/paste in neuer journalistenpraktikantenmanier in 5 minuten ergänzen oder umändern kann und als sein review verkaufen ohne jemans ein konzert besucht zu haben oder ein album richtig gehört zu haben.

  2.  
    2. Erwin der Jesus im Multimediazeitalter selbst  

    Berlin ist so gut wie tot. Musikmäßig. Man bekommt einen guten Eindruck, wenn man sich mal rechts oben die Rubrik "Musiker suchen/finden" ansieht. Oder in einem beliebigen Übrungsraumkomplex die entsprechenden Aushänge. Oder mal auf ein Konzert geht, wo aus Verlegenheit eine Berliner Vorband engagiert wurde. Ich mache hier aufmerksam auf die Britpopcoverband (?) im Vorprogramm von ‘Girls’ (!) im damaligen Magnet vor zwei Jahren. Kann mich da auch noch an ein jugendliches Sängerduo vor einem Konzert von Surfer Blood erinnern, das wahnwitzigerweise ein bizarres U.S. Top 40 Country-Pop-Pastiche im Stile des Tim McGraw meinte darbieten zu müssen. Was aber auch wieder beweist, dass es offensichtlich nicht die institutionellen/’infrastrukturellen’ Gegebenheiten sein können. Auftrittsmöglichkeiten snd ja offensichtlich da:

    "Alta, wir haben nächste Woche einen Auftritt beim Bernauer Bierdimpelfest und danach treten wir im Vorprogramm von ‘Girls’ auf… wer auch immer das ist…" ch ch chhh. Grotesk!

    Das Problem scheint in der Tat also der Natur zu sein, dass 99,5 Prozent aller Menschen hier, die eine Gitarre halten oder aufrecht hinter einem Schlagzeug sitzen können, nichts als Grütze im Kopf haben. Der Rest ist dementsprechend viel zu frustriert, um irgendwas machen zu wollen.

    Was bleibt ist ödester Postrock- bzw. ‘Elektro’-Quark der Marke Sinnbus oder andere Durchschnittlichkeiten. Danke fürs Zuhören.

  3.  
    3. Sea Wanton  

    B ist so gut wie tot? neeeeehhh – ist eher so wie bei Karstadt – du gehst rein, alles ist da und nichts davon kannst du gebrauchen (du hast es entweder schon dreifach oder keine verwendung dafür, es sieht scheisse aus oder ist nur tand und glitter und müll – noch schlimmer – erdacht im rheinländischen karneval, usw. usw.) fazit: selbst Berlin hat qualität nicht gepachtet (und scheisst uns deshalb mit reichlich quantität zu). techno, blues, prog-rock, metal und +++ und (hab’ ich ‘nen style vergessen?) gurken nebeneinander her um in der fun (touristen) gemeinde noch ein paar euros abzustauben…da bleibt dann auch für die nischen nicht mehr viel übrig. wirlich schade wär’s nur wenn die dorfdisco zumachen würde. slow motion is better than no motion.