2007: Techno/House-Style = eine globale, virtuelle Dorfdisco?


Dezember 23rd, 2007 | 1 Kommentar ...  

2007: Techno/House-Style = eine globale, virtuelle Dorfdisco?
Dorfdisco Autor Ramin Ruin, R.I.P. Foto: Tanja Krokos

Von Ramin Raissi

Das zurück liegende Jahr war hartes Brot, nicht nur für Plattenfirmen und Vertriebe (wobei mir Universal & Co mehr als egal sind), sondern auch für Vinyl-Konsumenten.

Nachdem die Umsatzzahlen der “unabhängigen” Labels im Bereich der physikalischen Tonträger 2007 erneut um ca. 35% zurückgegangen sind und bedeutende Vertriebe, wie Hausmusik oder Amato (UK) Insolvenz angemeldet haben und legale digitale Downloadplattformen, wie z.B. Beatport diesen Verlust (zum Glück) noch nicht kompensieren können, kann man folgende Tendenzen beobachten:

Als Helfershelfer der Plattenfirmen musste man sich durch üble 128 k/Bit Dateien wühlen, wenn sie nicht gleich auf dem Festplattenfriedhof beerdigt werden. Einige Labels schicken, um ihre eigenen Produkte nicht völlig zu entwerten, wenigstens 320 k/Bit Dateien, oder mehr oder weniger ansprechende CD (-rs), Vinyl wird nur noch in den seltensten Fällen verschickt, und das sind auch zu 90% Sachen, die keiner braucht. Die für mich relevanten Platten muss ich kaufen, oder anfragen, was beides auf die Dauer ungeil ist. Geil sind tolle Maxis, für die ich gerne Geld lasse.

Musikalisch zählte wieder oft Quantität statt Qualität resp. Originalität, eine Flut von Klein- und mittelständischen Unternehmen, die den Konsumenten mit langweiligem “Aldi-Minimal” Kopien überschwemmten. Es scheint dass jeder, der eine gecrackte Ableton-Live Version auf seinem PC hat, sich nicht nur für den nächsten Star im Minimal-Himmel hält, sondern auch noch ein eigenes Label auf den weiter schrumpfenden Markt schmeißt. Die Remixe, der an sich schon redundanten Tracks, gibt es dann einen Monat später.

Solange diese ungemastert als Dateien direkt in den Webshops landen, die oft ein Vollsortiment zu unschlagbaren Preisen (Dateien, aber auch Vinyl) anbieten, ist es wenigstens keine Rohstoffverschwendung, trägt aber zum Untergang von gut sortierten Plattenläden – siehe Freizeitglauben (R.I.P.) – bei.

Das andere Extrem waren die, besonders im Genre Dub-Techno, nahezu wöchentlich auftauchenden “extrem limitierten Vorab-Kopien”, die sich oft als billige Testpressungen rausstellten. Aber es gab auch liebevoll gestaltete, farbige 12″ mit klasse Musik drauf. Durch den Limitierungs-Wahn (von 55-500 Stück weltweit), als auch durch die Häufigkeit von “limitierten” Veröffentlichungen, oder der ersten und einzigen Auflage, die noch auf Vinyl gepresst wird – bevor diese nur noch als digitale Datenträger erhältlich sind – wird vielen potenziellen Vinylkäufern, die nicht mit professionellem Auflegen ihr Geld verdienen, schwindelig, und sie steigen aus dem sich wöchentlich schneller drehenden Karussel aus.

Einige Firmen haben gegen Ende des Jahres reagiert und boxen nicht mehr mehrere Platten pro Monat raus.

Viele Label leben eh nicht mehr (nur) von den Tonträgerverkäufen, sondern Quer- finanzieren sich durch gut bezahlte Auslands-Bookings ihrer Djs, Firmenanteile (Ritchie Hawtin, u.a. Beatport und Final Scratch), oder machen auf Grafikdesigner oder Restaurantbesitzer. Immer mehr Djs legen mit digitalen Systemen wie “Serato Scratch” auf und haben neben den unglaublichen klanglichen Eingriffsmöglichkeiten in die Spuren der Tracks und ganzen Sammlungen auf dem Laptop auch keine Rückenprobleme mehr durch zu schwere Plattenkisten. Der Trend geht zu fast verlustfrei komprimierten Dateiformaten, wie WAV oder FLAC – ob diese jemals eine dick gemasterte Maxi im Bassbereich ersetzen können, bleibt offen. Aber dieser Fortschritt wird sich nicht aufhalten lassen.

Genauso wenig wie illegale Downloads über P2P Börsen (SoulSeek) oder liebevoll geführten MP3-Blogs, die 320 k/Bit Dateien manchmal Wochen vor dem regulärem Release-Datum, zum mehr oder weniger temporären gratis Download anbieten.

Tolle originäre Musik auf einer (farbigen) Platte mit schickem Cover ist im Gegensatz zu digitalen Dateien sexy und wertstabil. Der Entschluss einiger Label, Veröffentlichungen erst auf Vinyl anzubieten und sie erst später – oder auch überhaupt nicht! – als Downloads anzubieten, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wer seine Platten aus Bequemlichkeit oder um 39 cent zu sparen, nur bei profillosen Webshops kauft, darf sich über die Verflachung des Angebotes nicht beschweren. Vinyl wird immer ein teuerer werdendes Nischenprodukt bleiben.

Dass Vinyl auch auf 95% Marktanteile kommen kann, zeigt neben bestimmten Techno/House Maxis, auch der Sektor Dubstep:

Dieser aus dem englischem 2-Step (Champagner & Koks) – davor Jungle bzw. Drum & Bass – mutierte Weed rauchende Bastard, der meist noch im Halfstep-Tempo (Betonung auf der 1. Und 3. Viertelnote) und eher mit gebrochenen Beats agiert, ist bis auf wenige Ausnahmen (das unglaubliche Burial Album) ein reines 12 Inch Vinyl Geschäft und eine der Inspirationsquellen für Musik 2007. Die Produktionen kommen inzwischen wöchentlich aus der ganzen Welt, und das ist ein Vorteil günstiger digitaler Produktionsmittel.

Es geht eh nicht mehr darum, womit oder wo produziert wurde, sondern was am Ende für ein Track oder Sound entsteht. Einige der rohesten Dubstep Tracks (T++) sind digital produziert und haben so gar nichts mit der glatten Preset-Oberfläche der Flachbildschirm-Sounds gemein. Dubstep, mit seinen abgrundtiefen Bässen und Hallräumen, hochgepitchen Stimmen und teilweise bewusst billig klingenden Preset-Sounds plus Rave-Signalen, war 2007 ein positiver Einfluss auf Techno (House, Minimal…), forciert unter anderem durch Ricardo Villalobos’ epischem minimalem Remix von Shackleton’ ” Blood On My Hands”, oder das einbinden von Dubstep-Tracks in Techno-Sets durch z.B. Cassy. Als tanzbare Alternative aber hat sich Dubstep in der Partyszene die am 4/4 Paradigma festhält noch nicht durchgesetzt.

Doch dass dieser Hybrid aus Dubstep-Sounds und gerader Bassdrum weiter wachsen wird, ist durch Produzenten wie z.B. 2562 (Tectonic) oder Perverlist sicher. Aber auch auf klassischen Techno gebürstete Künstler wie Shed oder Scion nähern sich dessen mittels Remixen oder eigenen Dubstep infizierten Tracks an.

Dubtech für den Floor. Statt Dub-Techno, welcher nur bekifft auf dem Sofa liegen bleibt. Das langweilt auf Dauer genauso, wie jeden Tag zu kiffen. Doch auch Dub-Techno ist durch Label wie “Modern Love” zurück auf der Tanzfläche. Peak-Time Techno mit dubbigen Effekten.

Durch die Übersättigung und Stagnation von so genanntem “Minimal” ist harter, deeper House und fetter Techno der druckvollen und dennoch reduzierten Sorte wieder gefragt. Die ganzen Genre-Schubladen zerfallen zum Glück eh gerade, bzw. existieren manchmal friedlich nebeneinander auf einer Platte.

“Open Your Mind”, um endlich mal diesen fiesen Track von “Klubbingman” zitieren zu können.

2007 war (unter anderem):

Dubstep:
Klasse Platten von Burial ( Hyperdub), T++, Scuba, Martyn, Pinch und auf dem Label “Dub Police” usw.

Die notorischen Remixschlampen und prima Hitfabriken:
Carl Craig, Radio Slave, Andy Stott und der Rest auf “Modern Love” und die 2007 notorisch Platte nach Platte raushauenden: Echospace, Soultek, CV313 aka Deeepchord.

Dub-Techno:
Zu viele, deshalb nur einen: Moritz von Oswald, der Tony Allen und 2raumwohnung tiefer gelegt hat.

“Maximize my ass” :
Es wird wieder feister auf der Tanzfläche und der “Klicker-Klacker-Sound” legt sich mit seinen Drogen zu Hause ab.

Analog ist besser:
Ra.H. (Morphine Records), Redshape (Present), Omar S. (FXHE)…

Alt statt Neu:
Egal ob auf “Styrax” oder “Fortune8″ Re-Releases oder Dub-Reggae auf “Basic Replay” oder “Pressure Sounds” – immer noch geiler als die Neo-Trance Rotze, die Löcher ins Gehirn fräst.

Globales Dorf:
Berlin ist nicht mehr unbedingt der Impulsgeber für die elektronische “Tanzmusik” (auch wenn der so genannte “Berlin Minimal Sound” weltweit abgefeiert wird) – Nicht nur Amsterdam (Rush Hour etc) ist im kommen.

Housemusik ohne Handtaschen ist wieder da, auch wenn sie nie wirklich weg war:
Prosumer & Murat Tepeli (Ostgutton), tobias. (Logistic Records), House aus Detroit von Patrice Scott, Keith Worthy +++

Langspielplatten:
Efdemin – s/t (Dial)
Pantha Du Prince – The Bliss (Dial),
Burial – Untrue (Hyperdub)

Maxis:
Jichael Mackson – Wasn’t Me (Musique Risque)
Redshape – Unfinished Symmetry (Present)
Tony Allen – Ole (Moritz von Oswald Remix) (Honest Jon’s)

Liveacts:
2000 And One, Ra.H.

DJs:
nd_baumecker, Prosumer, Marcel Dettmann, Radio Slave, Len Faki, Ben Klock, Cassy, Pete, Zander VT ++++

Club:
Berghain/Panoramabar

Re-Union 2007:
The Jesus And The Mary Chain

Gucken:
The Jesus And The Mary Chain live at the Letterman Show 21/5/2007
http://de.youtube.com/watch?v=9f_N36SfHL0

Film/Soundtrack:
Control (Joy Divison Biopic)
Noch besser die BBC 4 Dokumentation “From Joy Division to Happy Mondays”! Gibt es im Netz als DiVx zum runterladen.

“The Assassination Of Jesse James” (Nick Cave & Warren Ellis O.S.T./ Mute)
Der Film, mit der gewohnt Sonderschul-technischen Übersetzung des Original-Titels.

Vinyl Quellen:
www.hardwax.com, www.boomkat.com



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