10 Jahre Dorfdisco: 2000-2001


Teil 2 der (fast) 10-teiligen Serie von den Anfängen bis heute.

März 2nd, 2010 | 0 Kommentare ...  

10 Jahre Dorfdisco: 2000-2001
1 Jahr Dorfdisco: Buttonvorlage 2001

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Nach den Dorfdisco im Bastard Parties und einer Pause 2000 war es letztlich die Anschaffung einer mittelprächtigen Spiegelreflexkamera, die unter Ausnutzung der vorhandenen www.dorfdisco.de Domäne auf die Idee brachte, zukünftig Berliner Bands mit etwas Text und Foto zu featuren.

Dieses gab es zu der Zeit nämlich noch nicht. Berliner Bandwebseiten oder Wettbewerbe, bei denen sich Newcomer gegenseitig übertrumpfen müssen, solch Blödsinn gab es erst als gewiefte Veranstalter dies als Produkt an Dritte wie Alkohol- oder Zigarettenfirmen verkaufen konnten.

Der Weg einer lokalen Dorfdisco im Internet sollte dagegen darin bestehen, jene Bands und Leute Berlins abzubilden, die entscheidenden Einfluss ausüben, oder genauer gesagt, diese selbst sind, und das szeneübergreifend.

Schließlich gibt und gab es in Berlin immer mehrere Szenen, die im Dorfdisco Blickwinkel weniger von einander getrennt, als historisch gewachsene Schichten und Stilrichtungen bilden. So befanden sich neben der in den 90ern angesagten Galerie Berlin-Tokio Szene auch gleich Friedrichshain, Kreuzberg oder Schöneberg mit auf dem Schirm.

Die ersten, damals noch im einfachem HTML, und sogar verschiedenfarbig programmierten Seiten erstellt auf einem 133 Mhz PC mit 1.2 GB Festplatte und sagenhaften 125 MB RAM, stellten gleich sechs Themen aus sechs verschiedenen Szenen vor: die Sitcom Warriors aus Prenzlauer Berg/Mitte, elektronische Musik von Laila L’Arbi aus Kreuzberg, die australische Ex-Pat Band Methylated Spirits aus Friedrichshain, die Band Doghouse 4 von und mit Tex Morton aus Kreuzberg/Schöneberg, einen Artikel über die Schließung der Schöneberger Clublegende Ex’n’Pop und, na ja, des Dorfdisco Herausgebers frühe 80er Jahre Nummer Sexorzisten, die zwei Monate vorher im besagten Ex’n’Pop zusammen mit Tex Morton (Gitarre), Chris Dietermann (Bass), Schlagzeuger Mick Ale und Sänger Oliver Shunt ein einmaliges Comeback zum Geburtstag feierte (nicht lachen, der Laden war ausverkauft! :) .

Das erste Dorfdisco Homepage – „Cover“ war ein einmalig primitives, aber liebevoll gestaltetes Layout mit tagelanger Logo- und „Designarbeit“. Ein Begleittext, eloquent „Dorfdiscotanial“ benannt und später noch mehrfach als „was sonst noch passierte“ Kolumne fortgeführt, ergänzte die Homepage, und beschrieb den Beginn unter anderem mit dem Satz:„Alle Features sind natürlich klare Favoriten für Berlin und keine englischen Weicheier“.

Ab sofort lief es Schlag auf Schlag: das Audio Chocolate Festival präsentierte noch am 14. Dezember in der Maria am Ostbahnhof drei Bands: EC8OR, Feedom und das Debut einer neuen Berliner Band namens Sexo Y Droga, alles Acts, die Dorfdisco nicht nur nachhaltig beeindruckte, sondern auch noch Jahre später international erfolgreich sein würden und –natürlich- im Auge von Dorfdisco blieben.

Schnell wurde aber auch klar, dass es nicht alleine bei den lokalen Helden bleiben würde. Bands wie Speedball Baby, Dee Dee Ramone, The Dickies, The Stranglers, Henry Rollins oder Hugo Race wurden besucht und besprochen, und nach einem Konzert Nick Cave and the Bad Seeds lernte man eine kanadische Schriftstellerin kennen, die fortan als Miss Rose eine englischsprachige Kolumne namens Miss Rose Reports schrieb.

Einen aus Berliner Sicht nächsten Höhepunkt aber lieferte das Revenge of the Spacedolls Fest im Juni in der Maria am Ostbahnhof, der unvergessliche Auftritte von Sexo Y Droga, Cobra Killer, Pocket Rocket und Mr. Quintorn sah, und „das Maria fast noch kaputthaute.“

Im Juli veröffentlichten Sitcom Warriors ihre erste Single Noone is Allowed, und hatten einen unbekannten Sänger namens Doc Schoko als Vorgruppe, und Britta spielten 100 Tage vorher ihre Record Release zur Kollektion Gold im ausverkauften Hochzeitssaal Kreuzberg, der nicht der heutige Festsaal, sondern das legendäre Trash in der Oranienstraße war.

Im August sah Dorfdisco den ersten Auftritt einer wilden Katze namens Mignon im Deli, dem heutigen Maria, zusammen mit Taylor Savvy und Mocky. Hingerissen von Mignons Performance verabredete man sich zu einem Interview und Fototermin im Last Cathedral auf der Schönhauser Allee, zog aber noch weiter nebenan in einen Irish Pub, wo man sie in voller Montur für ein paar weitere Bilder auf deren Tresen befahl oder ins Waschbecken setzte, ohne zu wissen, dass es später mal eine Institution namens White Trash geben würde, die genau dort heute ihr Domizil hat!

Photos: 10 Jahre Dorfdisco: 2000-2001 – Cobra Killer, Sexo Y Droga, Mignon, Peaches u.a.

Der Schock dann am 11. September 2001: Der Angriff auf die New Yorker Twin Towers lähmte auch die Berliner Musikszene, ganz besonders in der Maria, wo am selben Abend ausgerechnet Shellac zusammen mit Sexo Y Droga ihren Post-hardcore Noiserock zelebrieren wollten. Völlig aus der Fassung beriet sich die Band darüber ob sie das Konzert nun spielen, oder absagen sollte, und entschied sich am Ende doch dafür zu spielen. Inmitten der schweren Stimmung von Trauer und Einkehr spielten sie mit schmerzverzerrten Gesichtern das vielleicht denkwürdigste Shellac Konzert aller Zeiten.

Irgendwann fragte man sich dennoch was denn nun mit den Dorfdisco Parties ist. Anstatt wieder monatliche Veranstaltungen zu organisieren wollte man nun jedes Jahr einmal die besten Bands und Newcomer des Jahres einladen, und Dorfdisco so als Marke und inneres Bindeglied für Berliner Musik etablieren.

Am 24.11.2001 gab es dazu die erste Dorfdisco Magazinparty inklusive einem 8-seitigen Programmheft, wieder im Bastard und mit Kissogram, Mignon und Sexo Y Droga als Topacts des Jahres 2001, plus Razi/Boy from Brazil, Miss Rose und Ran Huber als DJs! Es wurde ein unvergesslicher Abend, bei dem Julia Wilton am Ende nur noch das neue New Order Album hören wollte.

Zum Ausklang des ersten Jahres gab es noch Reviews von Melt Banana, Stereo Total, Foetus (plus Interview), André Williams sowie The White Stripes, die uns schon im Sommer neben The Strokes als heißer Tipp mitgegeben wurden.

Dorfdisco entwickelte sich also prächtig, die Grundthemen waren gelegt und die Zukunft durfte kommen. Das, und alles weitere im Teil 3.

Links:

Features 2001: http://www.dorfdisco.de/features/page/7 (Link ändert sich nach einiger Zeit)

Live Reviews 2001: http://www.dorfdisco.de/live/page/12 (Link ändert sich nach einiger Zeit)

Interviews 2001: http://www.dorfdisco.de/interviews/page/3 (Link ändert sich nach einiger Zeit)



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