10 Jahre Dorfdisco: 1999-2000


Eine (fast) 10-teilige Serie von den Anfängen bis heute.

Februar 14th, 2010 | 2 Kommentare ...  

10 Jahre Dorfdisco: 1999-2000
Dorfdisco Flyer 1999

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Als sich Mitte der 90er drei in schwarzen Hemden gekleidete Herren trafen, waren sie von dem Berliner Nachtleben enttäuscht. Keine Szene mehr, die sich der elektrifizierten Gitarre annahm, stattdessen teure Techno und House Veranstaltungen, zu denen man keinen persönlichen Zugang mehr fand. Was den drei Herren stattdessen fehlte war eine Prise lebhafter Rock und ungezwungenem Trash zu einem erschwinglichen Preis.

Doch erst nach einem spontanen Wochenende in Hamburg und zwei langen Nächten im Rosis, Pudels und Hafenklang dämmerte ihnen auf der Rückfahrt nach Berlin was zu tun ist: was wir bräuchten wäre eine Art Club in dem alles gespielt werden kann, so wie bei John Peel (der zu der Zeit noch auf Radio1 zu hören war), und auf den sich darüber wiederum alle einigen könnten. Was wir bräuchten, sagte dann Oliver Shunt auf der Rückbank des alten Strich 8ters, wäre so eine Art — Dorfdisco!

Das Gelächter war groß, Dorfdisco. Was für ein blöder Name, und prompt verpasste man noch die Autobahnabfahrt darüber. Die nächsten Tage und Wochen aber ließ die Idee nicht locker, und schon bald fand man sich wieder auf Dorfdisco Locationsuche, bis man mit der Idee bei den Betreibern des Bastards auf Antwort stieß: Dorfdisco – geile Sache, wie wär’s ihr macht das bei uns, so einmal die Woche, ab nächsten Monat?

Ab nächsten Monat… das waren noch genau drei Wochen hin, und jetzt? Jetzt hieß es in drei Wochen aus nichts eine Partyreihe mit dem Namen Dorfdisco zu starten. Erst mailte man der Presse, ohne Erfolg, dann ließ man Plakate drucken: „Dorfdisco kommt!“ stand da drauf -sonst nichts. Die Plakate hingen bald an jeder Ecke rund um die Kastanienallee, und wer sie las nahm sie zur Kenntnis, ohne zu wissen, was wer oder wo denn diese Dorfdisco nun war.

Am 4. Oktober 1999 aber fand die erste Dorfdisco im Bastard statt, auf einem Montag. Zwar war erst ein wöchentlicher Donnerstag ausgemacht, aber weil an dem unpopulären Montag eine völlig unbekannte Screamo-Band aus Japan namens Envy (!) spielte, und dem Bastard wohl noch ein Rahmenprogramm fehlte, orderten sie die drei Typen in ihren schwarzen Hemden herbei. Folglich sollte die Dorfdisco immer Montags stattfinden.

Das wiederum verursachte ein paar Probleme: nicht nur dass es an einem Montag schwierig sein würde ein erfolgreiches Konzept „für alle“ zu veranstalten, Montags wurde auch noch Theater (Prater) gespielt, so dass man sich nicht bemerkbar machen, und Dorfdisco erst nach der Vorstellung, ab ca. 23h beginnen durfte. Da standen manchmal Leute an der Türe und fragten nach Dorfdisco…und wir sagten ja, kommt doch einfach nach 11h wieder. Und dann füllte sich der Raum auch immer erst mit Theaterpublikum, die ihren Rotwein zu Rockmusik á la Oblivians, Chrome Cranks oder Jon Spencer Blues Explosion kredenzt bekamen.

Unsere Aufgabe bestand schließlich darin, das Theaterpublikum so fix wie möglich rauszuspielen, während man die ratlosen Fans vor der Türe so schnell wie möglich und mit viel Geschick zu kleinem Eintritt ins Bastard herein ziehen musste. Spielt ihr auch „Eye of the Tiger?“ war ein unvergessliche Frage eines unbekannten Gastes aus Pankow, der von der Dorfdisco im 030 gelesen hatte, und „Klar, aber jetzt spielen wir erst mal Iggy and the Stooges“, ist die uns bis heute überlieferte Antwort darauf gewesen.

Kurze Zeit später entwickelte sich der Dorfdisco-Montag im Bastard zum zarten Kult, bekannte Mitteszenegrößen wie Ran Huber oder Julia Wilton kamen auf einen Absacker vorbei, und man hätte über kurze Zeit vielleicht viel Boden machen können, hätte man anstatt Montag den Donnerstag behalten. Das Programm ließ sich mit Auftritten von The Methylated Spirits (8.11.1999) und Nikki Sudden (29.11.1999) noch ganz gut an, nach Jahreswechsel jedoch drängten auch andere DJs ins Programm, die Soca (Wantu Rukshun) oder House (Diringer, Danny King, J.Ferré, Nils&Gaffy) auflegten. Im Kontrast zu der ursprünglichen Idee jedoch war keine Linie mehr gegeben, und Auftritte von Betty Party Lyrics & Suzie Wong oder Trash Rock Blues/Funhouse konnten sich nicht mehr durchsetzen.

Am 27. März 2000 fand daher die letzte Dorfdisco im Bastard statt, das Trio in seinen schwarzen Hemden trennte sich, und der Name Dorfdisco fiel in einen Tiefschlaf, der zunächst nur durch die URL www.dorfdisco.de erhalten blieb…

(Fortsetzung folgt)



Kommentare / Comments:

  1.  
    1. dude  

    habt ihr auch standesgemäß gehängte getrunken?

  2.  
    2. snlr  

    cool