Tim Exile – Listening Tree


(Warp 173, VÖ : 03.04.2009)

März 31st, 2009 | 0 Kommentare ...  

Tim Exile – Listening Tree

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Tim Exile, der seine ersten Schritte in der britischen Jungle Szene unternahm, fand mit seinen Veröffentlichungen 2001 auf Moving Shadow nicht mehr als ein Nischendasein. Kein Wunder, interessierten sich für Jungle auf dem Festland doch selten mehr als fünfzehn Leute. Das Schicksal der musikalischen Randexistenz teilte Exile auch ein paar Jahre später noch mit seinen nerdigen Breakcoreplatten, die er fleißig auf Planet Mu veröffentlichte. Mit dem neuen Exile, der heute mit seinem neuen Album Listening Tree aufwartet, hat das, bis auf eine gute Schule, so gut wie nichts zu tun.

Hier erleben wir die Entwicklung  zu einem blitzsauberen Popstar der elektronischen Musik. Als Grundbausteine dienen lediglich noch die gehackten, verschobenen Beats des Drum ‘n’ Bass, der einst die Zukunft versprach und doch seit einer halben Ewigkeit in nicht enden wollender Stagnation verharrt.

Listening Tree beinhaltet so 10 lumpenreine Popnummern, die sich vergeblich Mühe geben, genau das nicht zu sein. Hier ist die Platte, die Bowie mit Aphex Twin an den Reglern nach Outside hätte aufnehmen sollen. Exile veredelt bombastische Arrangements mit seiner euphonischen Stimme und entsinnt sich während dessen allerlei Stil prägender Ikonen des unterkühlten New Wave der Achtziger und bedrückenden Dark Wave der frühen Neunziger. Die Songs wirken, abgesehen vom Hit und, yep, unglaublich tollen Opener Don’t think we’re one, bombastisch, theatralisch, und sind mit einer opulenten Produktion versehen, die sehr zukunftsorientiert klingt. Viele unerwartete Tempowechsel und verästelte Harmonien bestimmen die einzelnen Stücke, und werden allein von Exiles Gesang zusammen gehalten.

Textlich ist die Platte ebenfalls ganz weit vorne einzusortieren, schimmert doch eine undefinierbar abwegige Lyrik aus vielen verschachtelten, tiefgründigen Andeutungen, die dem ganzen “Hörbaum” einen irgendwie modernen Anstrich verleihen.

Als erste Singleauskopplung hat Warp Records Family Galaxy auserkoren. Ein Stück, das beständig an Geschwindigkeit und Hochdruck gewinnt. Erst als man schon nicht mehr daran glaubt, kristallisiert sich ein eingängiger Refrain heraus, der aber so unvermittelt wie er erschienen ist in einem Meer aus zentnerschwerer Distortion untergeht. Listening Tree verlangt dem Hörer Ausdauer sowie die mit Warp Veröffentlichungen nicht selten einhergehende Leidensfähigkeit ab.

Der perfekte Soundtrack zur Untermalung postmitternächtlicher, versponnener Träumerei. Ein typischer Grower obendrein, der seine vielgestaltigen Möglichkeiten bei jedem Hören mehr entfaltet. Ganz große Platte, die ein ganzes Genre unwiderruflich beeinflussen wird.

www.myspace.com/timexile



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