Gui Boratto – Take my Breath away


(Kompakt 190, VÖ : 05.03.09)

März 25th, 2009 | 0 Kommentare ...  

Gui Boratto – Take my Breath away

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Zwei Jahre nach seinem viel beachteten Debutalbum Chromophobia, der zwischenzeitlichen Interaktion mit dem Pop-Olymp durch Remixaufträge für die Pet Shop Boys, Goldfrapp und einen randvollen Gigkalender, legt der brasilianische Architekt nun eine neue LP nach.

Take my Breath away ist ein rundum gelungenes Abflugpaket, beim hinreißenden Cover angefangen und insbesondere was die in vollem Umfang flashende Musik dahinter betrifft. Es ist ja schon eine kleine Sensation, wenn der ansonsten für seinen distanzierten Wertkonservatismus bekannte Musikexpress eine Kompaktplatte in einer lumpenreinen Lobhudelei berücksichtigt.

Das muß Balsam für die in letzter Zeit bezüglich ihrer zunehmenden Stagnation immer wieder gescholtenen Seelen der Kölner Minimal – Zirkel sein .

Schon viel zu lange hat man kein Release mehr beim ersten Hören so deliziös abnicken können. Boratto gelingt der dreibeinige Spagat zwischen Pop, Pomp, Club mit einer rätselhaften Leichtigkeit. Er breitet ein mannigfaltiges Bilderbuch der blühenden Ravelandschaft aus, unbeeindruckt von jeglichen Trendprognosen, dafür mit dem Mut zur bedingungslosen Melodie.

Hier finden sich 11 Tracks die im Gehör festsitzen, lange nachdem das Licht schon wieder angeknipst wurde. Elektronische Hymnen, die man nicht wieder vergisst und einem fast den Glauben zurückgeben das eine bessere Welt doch möglich scheint. Da bedarf es keiner Hellseherei um Atomic Soda schon jetzt als eine waschechte Großtat der noch jungen Saison zu feiern. Eine reanimierte Concorde wäre ein Jux dagegen.

Colors könnte glatt dem Soundtrack einer Science-Fiction Verfilmung von Alice in Wonderland entspringen oder der Vertonung eines Computerspiels das nicht den Verfall sondern das ungekünstelte, schöne Leben thematisiert.

Die frühen Depeche Mode, The Human League und überhaupt die elektrifizierende Pionierarbeit der Achtziger empfängt einen hier mit offenen Armen an nahezu jedem Punkt. Vocals finden nur in No turning back statt. Konkret, elegant und gläsern zugleich. Sie machen aus diesem Track, welcher vom Grundgerüst her eigentlich eine unbegreifliche Ravegranate ist, ein bebendes Liebeslied mit integrierter Absage an den Gewissenswurm. Ein furioses Statement, das man sich als Beispiel nehmen will.

Es ist simultan das herausragende Stück auf dieser mit Highlights gespickten Platte.
Gui Boratto füttert seine Maschinen mit echtem Enthusiasmus, gewachsen aus einer Unbedarftheit, die für das Schaffen der ganz großen Geste essenziell ist.
Mit diesem Release lokalisiert er Kompakt Records mittels einer himmlischen, coolen Trance-Interpretation neu auf der musikalischen Landkarte.

Auf die Liveumsetzung dieses Gesamtkunstwerks darf man mehr als gespannt sein.
Bis dahin sage ich danke für dieses Erdbeben in der Magengrube.

www.myspace.com/guiboratto



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