Good Weather Girl – Boon


(Hazelwood Vinyl Plastics/Indigo) VÖ: 12.03.2010

März 5th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Good Weather Girl – Boon

Von

Das erste was ich von Dion October Lucas hörte war ihr kichern. Ein kehliges, krächzendes und doch zuckersüßes, kindliches Kichern. Es war entrückt und herzlich zugleich. Das schönste Kichern das ich jemals gehört zu haben glaube.

Als Dions Produzent Two Horses mir später die ersten Aufnahmen von Good Weather Girl vorspielte, direkt vom Pult in das sie eingespielt wurden, saß Dion ganz still neben uns und drehte Locken in ihre kurzen Haare. Wie ein träumendes Kind. Two Horses redete und redete. Über die Songs, die Aufnahmen und wie es überhaupt dazu kam. Über Dion und ihren Bruder Shem und über ihre berühmte Mutter Soo Catwoman.
Dion redete nicht und sie kicherte nicht. Sie saß nur da. Genau wie ich. Und ich hörte kaum was Two Horses mir da zu erzählen versuchte. Ich hörte nur Dion & Shem. Ich hörte akkustische Gitarren, Orgeln, Geigen, Cellos, singende Sägen, gestrichenes Schlagzeug und gehauenes Schlagzeug. Und Dions Stimme. Die sich flüsternd, kauend, unaufgeregt um mich herumbewegte und mir trotzdem intensiver und direkter ins Mark drang als es eine Björk oder PJ oder Lilly oder Amy oder Carol jemals taten.

Und dann öffnete sich ein Fenster; ich sah: verwunschene Wälder, verzwurbelte Wurzeln, unbekannte Pflanzen, bunte Vögel, grinsende Katzen, Regen auf englischen Dächern, Strassen ohne Namen, Strassen voller Licht, Milch und Honig. Und ich schmeckte Kaffee. Köstlichen Kaffee. Tiefschwarz und süß…

Black Coffee Days. Was für ein Songtitel! Und atmosphärisch der Tenor des gesamten Albums.
Wie alles zusammenkam und was mir Two Horses wohl an diesem Septembertag erzählte, möchte ich euch nicht vorenthalten. Eine Geschichte wie sie Hollywood nicht besser hinbekommen hätte. Dafür aber Wort für Wort wahr. Und natürlich könnte es niemand besser erzählen als er selbst:

„Als sich Ms. Lucas zur Gitarre ihres älteren Bruders Shem die Trauer von der Seele sang, hatte sie alles andere im Sinn als eine Musikkarriere.
Ein guter Freund war tot und für Dion war dies ein Weg “Tod” zu verarbeiten. Mit ganz bescheidenen Mitteln schnitten die Geschwister ein paar Songs mit und stellten das Ergebnis ins Netz, wie es junge Leute heute eben so tun.
Während Shem schon immer in irgendwelchen Bands spielte, galten Dions Ambitionen bis dahin eher dem Zeichnen, der Fotografie und der Literatur.
Dass sich die Bits und Bytes von “Don’t Worry” durch den globalen Datenstrom fressen würden, um über zahllose Verschlingungen, über Blogs und Streams, Adds und Links, über Tokio, New York und Paris schließlich in den Hazelwood Studios Gehör zu finden, war ganz einfach nicht abzusehen.
Die Minuten, während derer ich als nicht Native-Speaker, versuchte mich in dem Londoner Singsang zurecht zu finden und irgendwas Schlaues zu sagen ohne aufzufallen, müssen grauenvoll naiv gewirkt haben. Ms. Dion October Lucas ließ sich nichts anmerken, was ich ihr bis heute hoch anrechne. Als sich die sprachliche Barriere schlussendlich nach einer stammelnden Ewigkeit langsam lichtete, weiß ich gar nicht, wer mehr überrascht war, Ms. Lucas von der Unbestreitbarkeit meines nächtlichen Anrufs oder aber ich, von der Unbestreitbarkeit des Umstands, dass Ms. Lucas ganz offensichtlich in musikalischer Hinsicht bis Dato und bis auf diese wenigen Songs völlig unambitioniert war.
Die nächsten Monate brauchten ein Konvolut von E-Mails um Dion und Bruder Shem schließlich von der Ernsthaftigkeit unseres Anliegens zu überzeugen, die Geschwister dazu zu bringen, weitere 12 Songs zu schreiben und in den Flieger nach Frankfurt zu steigen.
Dass es sich bei Dion und Shem um die Kinder der britischen Punk-Ikone Soo Catwoman handelt erwähnte Dion in einem Nebensatz ganz am Schluss der Aufnahmen zu BOON.

(Soos Einfluss auf die aufkommende Punkszene im London der frühen 70er Jahre, auf Bands wie The Sex Pistols, The Clash, Billy Idol, Siouxsie Sioux, etc. ist in zahlreichen filmischen Dokumentationen ausreichend belegt, wie etwa in The Punk Road Movie / D.Letts 1979, The Great Rock’n’Roll Swindle / Julien Temple 1980, oder in der „Rockumentary“ The Filth and The Fury / J. Temple 2000 – Soo hat eine eigene Figur bei den Simpsons!)

Dion October Lucas ist das 5. Element der Musik. Zusammen mit ihrem Bruder führt das Mädchen aus Camden Town die Antifolk-Tradition einer ganzen Generation von Maureen Tuckers, Nicos oder Kim Gordons fort, ohne überhaupt davon zu ahnen – was das eigentlich Wesentliche ist. „I’ve never seen Paris“ singt Ms. Lucas, mit der wunderbaren Unschuld und in der autistischen Mundart eines weiblichen Daniel Johnstons, als wäre das gar nichts.“ Zitat Ende.

Ja, so war das mit Dion, Shem, Two Horses und mir. Und Mama Catwoman ist übrigens genauso symphatisch und uneitel, obschon hochattraktiv und faszinierend. Hat mir auf dem Weg vom Klo in den Hintern gekniffen und später die halbe Nacht mit ihren Kindern die Tanzfläche gerockt…Und nun sitze ich hier, höre BOON rauf und runter und kichere und schwelge und grinse und weine (natürlich nur innerlich…).
Und lege euch BOON nah, ausdrücklich ganz ganz nah, ans Ohr, ans Auge und Herz.

Fazit:
Forget Hope Sandoval, forget Trouble Books und vergiss vorallem Bat for Lashes.
It`s time for Frühling: Good Weather Girl is almost here! Und in Kürze auch auf Release Tour. Erstmals live in DE. Watch out!

PS:
Der erste Song ist übrigens die Originalversion von „Don`t worry“ aus Dions Schlafzimmer. Und bevor die Platte dann offiziell mit der neuen Version beginnt, bricht er aprupt ab, irgendwas war wohl umgekippt. Und dann hört ihr es: dieses kehlige, kindliche, herzerweichende Kichern…

http://www.myspace.com/goodweathergirlmusic
Das komplette Album vorhören: http://www.lastfm.de/music/Good+weather+girl/Boon
GWG Blog: http://www.wearegoodweathergirl.com
Two Horses Reservat: http://www.hazelwood.de
Mama Catwoman: http://www.soocatwoman.com



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